Der Verschwörungstheoretiker der VHS.

Die „Volkshochschule“ (VHS), in der miefigen Provinzstadt Oldenburg, betreibt eigentlich ein Programm, wie es an vielen „Volkshochschulen“ zu finden sein wird. Doch neben den Sprach-, Rechtschreib- und Trommelkursen gibt es einen weiteren Kurs, der aus dem Programm heraussticht. Der wird vom ehemaligen „Greenpeace“-Mitglied Werner Altnickel (s. Foto) geleitet. Dort dürfen sich ganze 25 Teilnehmer_innen über sogenannte „Chemtrails“ informieren. „Chemtrails stehen für ganz bestimmte Kondensstreifen von Flugzeugen. Verschwörungstheoretiker_innen wie Altnickel behaupten, dass Wettermanipulationen durch die „Chemtrails“ ermöglicht werden. Der allseitsbekannte Wetterfrosch Jörg Kachelmann nennt das nicht zu Unrecht eine der „most gaga Verschwörungstheorien“. Für Altnickel steht unter dessen fest, dass die USA „die Herrschaft über die globalen Wetterverhältnisse erringen und das Erdklima mittels Versprühung chemischer Substanzen in der Atmosphäre manipulieren“ würden. Die „normalen Schleierwolken“ seien in Wirklichkeit gar das Ergebnis der „Chemtrails“.

Werner Altnickel ist einer der Apologeten der „Chemtrail“-Verschwörungstheorien. Er glaubt aber auch daran, dass von der sich in Alaska befindlichen Forschungsanlage HAARP Gefahren ausgingen und spricht von „Gedankenkontrolle“ und Beeinflussung. Außerdem behauptet Altnickel, dass der Reaktor-Unfall in Tschernobyl, kein normaler Reaktorunfall gewesen sei. Wenn mensch Altnickel glaubt sind es die USA gewesen, die ein Erdbeben im eigenen Land verhindern wollten: „Am Tag der Katastrophe von Tschernobyl wollte Russland ein Riesen-Erdbeben auslösen. Gemeinsam mit einem befreundeten Staat wusste Amerika dies zu verhindern. Die ausgesendeten Frequenzen wurden abgeblockt und kamen zurück zum Ursprungsort Tschernobyl“, was den GAU ausgelöst habe. Solche Ereignisse, von denen die normale Bevölkerung nichts erfahren würde, seien in Wahrheit „Wetterkriege“, die bereits „seit langem“ stattfinden würden. Altnickel glaubt unter anderem in analysierten Proben der „Chemtrails“ „getrocknete genmanipulierte menschliche Zellen, synthetisches Material, Proteine – einige davon mit Jet Fuel vermischt-, mysteriöse, bisher unbekannte Pilze und Bakterien“ gefunden zu haben.

Des Weiteren ist Altnickel ein Anhänger der antisemitischen Verschwörungstheorie, die besagt, dass die „Zionisten“ den Anschlag auf das World Trade Center „durchgeführt“ hätten. Der Solartechniker beruft sich auf den italienischen Senator auf Lebenszeit, Cossiga, der „wissen“ will, „dass die desaströsen Anschläge von der CIA und dem Mossad mit der Hilfe der Zionisten geplant und durchgeführt worden“ wären.
Während des Irak-Kriegs unterstützte Altnickel eine Aktion, bei der Kriegsgegner_innen als menschliche Schutzschilde für den damaligen Diktator Saddam Hussein in Bagdad fungieren sollten. „Es gibt erste Interessierte aus Oldenburg und anderen Orten“ heißt es auf einem Flugblatt: „Lasst uns ein großes Friedensfest in Bagdad feiern! Am liebsten mit bekannten Bands und dem Papst als Hauptredner.“ Trotz alledem sorgte sich Altnickel um die eigene Gesundheit, was das Mitglied der „Grünen“ in die Bürgersprechstunde des Rats der Stadt trieb: Dort stellte er dem Bürgermeister eine Frage über das „Thema Katastrophenschutz in Oldenburg vor dem Hintergrund des drohenden Irak-Krieges.“
Ein anderer Krieg, bei dem unter anderem Israel auch „Strahlenwaffen“ einsetzen würde, ist für Altnickel allerdings noch nicht vorbei. Er spricht vom II. Weltkrieg, der noch immer von den USA geführt werden würde und beruft sich dabei auf ein angebliches Donald Rumsfeld Zitat, dass sich im rechten Spektrum, bei den Fans von „Reichsflugscheiben“, großer Beliebtheit erfreut. Als Urheber des Zitats nennen die Fälscher_innen wahlweise Donald Rumsfeld oder Colin Powell.

Um seine Thesen zu belegen beruft sich Altnickel auf angebliche Wissenschaftler_inen und Doktor_innen. Als Kronzeuge dient ihm Jim Phelps (s. Foto), der angeblich „jahrelang als maßgebender Experte an der Ozonlochforschung“ gearbeitet hat, aber unter anderem auch einen Zusammenhang zwischen den Kondensstreifen von Flugzeugen und Aids (!) sowie BSE entdeckt haben will: „Ob es gefällt oder nicht, die globale Erwärmung ist direkt mit dem AIDS-Problem verbunden, da diese Fluoride und Metalle in die Ökosysteme und in die Körper der Menschen hineingelangen.“ Für die „Chemtrails“ sind, so behauptet es Phelps, „geheime (Logen)querverbindungen“ verantwortlich. Neben Phelbs dient ein anthroposophischer Doktor, aus Altnickels Heimatstadt, als Kronzeuge. Doch reale Belege bleibt Altnickel natürlich schuldig.
Statt dessen arbeitet Altnickel, wie viele Verschwörungstheoretiker_innen mit gefälschten Zitaten. In seinen Vorträgen zitiert Altnickel einen gewissen John Swinton, um eine angebliche „Zensur“ seiner Theorien durch die Medien zu belegen. „Eine freie Presse gibt es nicht. Sie, liebe Freunde wissen das, und ich weiß es gleichfalls“, beginnt es. John Swinton, der von Altnickel als weiterer Kronzeuge benannt wird, soll ein ehemaliger Herausgeber der „New York Times“ (NYT) gewesen sein, „der diesen kleinen Vortrag während seines Abschiedsbanketts gehalten haben soll. Ein Blick in die Archive der NYT zeigt: Es hat niemals einen Herausgeber namens Swinton gegeben“.


Altnickel beim antisemitischen Internetangebot von „Secret.TV“.

Wegen der angeblichen „Zensur“ der Theorien Altnickels gibt dieser dort Interviews, wo die verschwörungstheoretischen Thesen gut ankommen. Der Internetsender „Secret.tv“, der bisher vom Antisemiten und Verschwörungstheoretiker Jan Udo Holey (Alias „Jan von Helsing“) betrieben wurde, bietet beispielsweise gleich mehrere Vorträge und Interviews mit Altnickel, der sich diesem „TV-Sender im Internet“ zugehörig fühlt. Ein Auftritt im „Offenen Kanal Bremen“ vom 28.02.2005 findet sich auf anderen Plattformen. Im „Haus des Sport“ in Bremen referierte Altnickel mit dem selbst ernannten „Unruheständler“ Peter Platte, der sich wie Werner Altnickel gefälschter Fotos bedient, um seine Thesen zu beweisen. Altnickel tut eben alles „um die Botschaft unter die Leute zu bringen“. Daher ist er auch im Internet vertreten. Altnickel ist der Verantwortliche der Seite „Chemtrail.de“, auf der er seine Theorien verbreitet und für seine Tätigkeit als Referent der „Volkshochschule“ wirbt.
Außerdem trat Altnickel am 23.02.2008 auf Tagung der so genannten „Anti Zensur Koalitionauf. Dort hielt „Deutschlands bekanntester Aufklärer über Chemtrails und Haarp“ einen langen Vortrag. In der „AZK-Zeitung“ zur Konferenz finden sich die Behauptungen des wegen Volksverhetzung und anderer Vergehen verurteilten Hochstaplers und Holocaustleugners Iwan Götz. Die „Anti Zensur Koalition“ des Sektenführers Ivo Sassek ist ein Treffpunkt für verschiedene rechte Verschwörungstheoretiker_innen, Sektenmitglieder und Nazis, wie zum Beispiel den Anthroposophen und Holocaustleugner Bernhard Schaub. Der „grüne“ Verschwörungstheoretiker Altnickel kam dort mit seiner antisemitischen These vom „komischen sozialen Demokraten“ Gerhard Schröder gut an. Altnickel verwies darauf, dass Gerhard Schröder „nebenbei noch ’ne Beratungsfunktion bei der Rothschild-Bank hat und das ist als Sozialdemokrat ja ein bischen merkwürdig“.


Altnickel auf einer Tagung der „Anti-Zensur-Koalition“ (AZK).

Wenn Altnickel gerade keine Interviews mit antisemitischen Internetangeboten führt oder auf Konferenzen auftritt, findet mensch ihn in Oldenburg. Dort baut er nicht nur Solaranlagen, sondern hält, wie schon erwähnt, Vorträge an der „Volkshochschule“. Altnickel war aber auch schon als Referent an der dortigen Universität oder lud nach eigenen Angaben, über die „Katholische Hochschschulgemeinde“ (KHG) der Stadt, den ehemaligen SPD-Politiker Andreas von Bülow ein, der zuvor durch ähnliche Ansichten zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auf sich aufmerksam gemacht hatte und der auch im rechten „Kai-Homilius-Verlag“ publiziert. Außerdem ist Altnickel ein fleissiger Hobbyfotograf , der bereits mehr als 11.000 Fotos vom Himmel gemacht hat, um seine Thesen zu untermauern. Es gibt wohl kaum eine andere Person, die so fleißig „richtig fetzige Bilder“ von Kondensstreifen und Wolken produziert.


Faksimile der Veranstaltungswerbung Altnickels bei der VHS.

Das „Kursprogramm“ der „Volkshochschule“ aus Oldenburg, die als „anerkannter Bildungsträger“ vom „Land Niedersachsen und von der Stadt Oldenburg gefördert“ wird, benennt Werner Altnickel als einen ihrer Referent_innen, der dort über die „Macht über das Wetter“ und „Wettermanipulationen“ berichtet. Auf der Internetseite der „Volkshochschule“ wird die „Meinung des Referenten“ nicht als Verschwörungstheorie abgetan. Stattdessen ließt mensch dort von „gesundheits- und lebensgefährliche Wettermanipulationen“, wie dem „künstlichem Erzeugen von Erdbeben und Tsunamis, dem gezielten Öffnen von Ozonlöchern, der Steuerung von Stürmen sowie der elektrischen Veränderung der Ionosphäre“. Dieses Programm erregt natürlich keine Kritik, obwohl sich auf Altnickels Seite sogar ein Text mit dem Namen die „Rassenbombe“ finden lässt (Screenshot), herausgeben durch den Verlag „VAWS“ („Verlag und Agentur Werner Symanek“), der unter anderem das Nazi-Blatt „Unabhängige Nachrichten“ druckt und vertreibt. Im miefigen Oldenburg kann solch eine Person, ohne dass es in irgendeiner Form Kritik gibt, als Referent der „Volkshochschule“ auftreten. Der zweimalige Gewinner des „Oldenburger Umweltschutzpreises“ lebt ungestört in der Provinz.

Propaganda-Treffen.

Ein Propaganda-Treffen der ganz besonderen Art soll am 11. Februar 2010 in Hamburg statt finden. Der Geschäftsführer der „Orient Okzident Gesellschaft“, Bahman Berenjian, lädt am Jahrestag der „iranischen Revolution“ in Zusammenarbeit mit dem Verschwörungstheoretiker Christoph M. Hörstel zu „authentischen Meinungen und Analysen“ aus dem Iran in’s „Hotel Atlantic-Kempinski“. Neben Hörstel, der schon als „Lobbyist der Taliban” (FAZ) bezeichnet wurde, werden verschiedene Referenten erwartet, die deutlich machen welche Thesen auf der Konferenz vertreten werden.
Da wäre unter a anderem der iranische Botschafter und Massenmörder Ali Reza Scheikh Attar sowie der Hamas-Propagandist Udo Steinbach. Da wäre des Weiteren Jürgen Elsässer, der protestierende Demonstrant_innen im Iran bereits als „Dis­co­mie­zen“, „Te­he­ra­ner Dro­gen­jun­kies“ und als „Strich­jun­gen des Fi­nanz­ka­pi­tals“ bezeichnete und bevorzugt Aufmärsche gegen Israel organisiert oder auf den Treffen des rechten verschwörungstheoretischen Spektrums auftritt. Da wäre aber auch Thomas Steinberg, der eine Internetseite betreibt, auf der die Hetze gegen Israel und seine Verteidiger_innen zum Programm erhoben wird. „Die För­de­rer“ des An­ti­se­mi­tis­mus „sind be­kannt“ ora­kel­te Stein­berg in einem Text von 2008, der auch auf ein­schlä­gi­gen Na­zi-​Sei­ten ver­brei­tet wird: „Sie sit­zen im Zen­tral­rat der Juden, auf der Achse des Guten und sogar in der Par­tei Die Linke. Sie geben vor, den Ju­den­haß zu be­kämp­fen, und schü­ren ihn“. Stein­berg be­dien­te an die­ser Stel­le ein altes an­ti­se­mi­ti­sches Kli­schee, bei dem Jü­din­nen und Juden oder deren an­geb­li­che Un­ter­stüt­zer_in­nen für den Hass, den An­ti­se­mit_in­nen ihnen ge­gen­über emp­fin­den, ver­ant­wort­lich ge­macht wer­den.
Auf dieser Konferenz wird also die Creme de la Creme der Apologeten des iranischen Regimes auftreten, um ihre Propaganda zu betreiben. Im „legendären Luxushotel an der Außenalster“ wollen sich die Propagandist_innen des iranischen Regimes versammeln. Es ist absehbar, um was es bei diesem Treffen gehen wird: Neben der Verteidigung des iranischen Regimes geht es unter anderem um antisemitische Hetze, vor einer „hochwertigen Kulisse“. Das „Hotel Atlantic-Kempinski“ spricht in jedem Fall davon, Veranstaltungen zu ermöglichen, die „bald so legendär“ sein würden, „wie das Hotel Atlantic selbst“. Es bleibt zu hoffen, dass es sich Menschen nicht nehmen lassen werden, gegen diese Propaganda-Veranstaltung vor „hochwertiger Kulisse“ zu protestieren.

Update (09.01): „Die für Donnerstag, den 11. Februar, geplante Konferenz findet nicht statt! Nach dem öffentlichen Druck der letzten Tage hat die Hotelleitung die Veranstaltung abgesagt, auf dem Podium im Hamburger Atlantic-Hotel wird es also vorerst nicht zu antisemitischer Hetze und der Verteidigung des iranischen Regimes kommen. Damit fällt auch die geplante Gegenkundgebung aus.“ (Quelle)

Noch mehr Infos hier.

Mythenbildung a la Elsässer.

Der Anti-Anti-Deutsche Jürgen Elsässer, der mit seiner „Volksinitiative“ am liebsten gegen Israel marschiert, nimmt die Aufregungen rund um den geplanten Naziaufmarsch in Dresden zum Anlass, um den Bombenangriff auf Dresden einzuordnen. In seinem Blog schreibt Elsässer, dass „mittlerweile alle in antifa machen“ würden. Gemeint sind damit die deutschen Institutionen und ihre Charaktermasken, denen Elsässer eine antifaschistische Haltung andichtet. Dieser Antifaschismus, den mensch noch nicht einmal mit einer Lupe erkennen würde, weil er nicht vorhanden ist, sei „gekidnaped“ worden, um den Eindruck zu erwecken, dass „‚uns‘ die Amis und Briten befreit“ hätten. Von der Landung der Allierten in der Normandie scheint Elsässer nichts wissen zu wollen. Vom Blutzoll den die westlichen Allierten im Kampf gegen die Nationalsozialisten zahlen mussten, schweigt Elsässer ebenso. Stattdessen ist Elsässer, der früher einmal zur antideutschen Strömung der „Linken“ zählte, auf einem ganz anderem Trip: „Mit ‚Dresden‘ macht die amerikanisierte Linke deutlich, dass sie durchaus mit Kriegsverbrechen der Angloamerikaner einverstanden ist, wenn sich diese Verbrechen gegen ‚Untermenschen‘ wie Deutsche (…) richten“ lamentiert Elsässer in einem eindeutigen Jargon, der sich an dieser Stelle kaum von der politischen Konkurenz von ganz, ganz Rechts unterscheidet.

Elsässer reproduziert den altbekannten Mythos von der unschuldigen Stadt Dresden und seinen unschuldigen Bewohner_innen. Das eben jenes Dresden ein wichtiges Drehkreuz der Wehrmacht, ein Zentrum der Rüstungsproduktion und als „Frontstadt“ ein Bollwerk gegen die Rote Armee darstellte, wird von Elsässer verschwiegen. „Lieber eine Bombe auf den Kopf, als nach Auschwitz“, so beschrieb ein Überlebender, der mit einem der letzten Transporte in die Vernichtung gebracht werden sollte, seine Situation Anfang 1945. Die militärische Zerschlagung des Nationalsozialismus bedeutete für die wenigen Überlebenden des Vernichtungs-Antisemitismus Rettung. Der Bombenangriff vom 13. Februar 1945 auf Dresden rettete rund 200 Jüdinnen und Juden im Großraum Dresden das Leben, deren Abtransport für die nächsten Tage vorgesehen war. Die „Rote Armee“ hatte um jenen Bombenangriff gebeten, um schneller in Richtung Berlin vorrücken zu können. „Wir weinten vor Freude, als wir den roten Schein am Himmel sahen. Dresden brennt, die Alliierten sind nicht mehr weit“ beschrieb ein Überlebender des Ghettos Theresienstadt, diesen Umstand.
Für Elsässer spielen solche historischen Tatsachen jedoch keine Rolle. Für ihn ist die Bombardierung Dresdens ein „Kriegsverbrechen“. Hier unterscheidet sich Elässer kaum von seiner politischen Konkurenz, die den 13. Februar 2010 nutzen möchte, um Geschichtsrevisionismus zu betreiben. Solch einen Geschichtsrevisionismus betreibt auch Elsässer, der dabei von seinen Freund_innen von der „Volksinitiative“ sekundiert wird. So schreibt ein Mitglied der „Volksinitiative“ aus Schwäbisch-Hall von einem „barbarischen und kriegverbrecherischen Akt“. Elsässer sieht hier „keinen Dissens“. Nazis werden an solchen geschichtsrevisionistischen Positionen ihre wahre Freude haben. Schließlich wird auch hier erkennbar am Mythos der unschuldigen Stadt Dresden gearbeitet.

German-Trash I.

Der deutsche Film „Die Einsteiger“ (1985) gilt als der vierte Teil der so genannten „Supernasen“ – Reihe. In den Hauptrollen bemühen sich Thomas Gottschalk und Mike Krüger um die Gunst des Publikums. Alleine diese beiden Hauptdarsteller sind ein Grund, sich diesen Film nicht anzuschauen. Wer sich dennoch nicht abschrecken lässt erlebt schale Witzchen und eine flache Story gepaart mit unterirdischen schauspielerischen Leistungen, die noch nicht einmal das Niveau von schlechten Laiendarsteller_innen erreichen. Mit Hilfe einer Erfindung switchen „Thommy“ und „Mikey“ durch diverse Film-Genres und finden ihre große Liebe.

Im ersten Teil der Reihe (1981) besaßen die beiden noch einen „Piratensender“ namens „Powerplay“. Dort verschlug es „Mikey“ auf unfreiwillige Weise in ein „besetztes Haus“ , an dem ein Transparent mit der Aufschrift: „Alle Macht dem Nippel“ hing. Des Weiteren forderten die Haubesetzer_innen „Freiheit für“ den Bergfilmer Luis Trenker. Außer solchen vermeintlichen Inneneinsichten über Hausbesetzer_innen dienten die Filme natürlich als Werbefläche für die Musik des Mike – Nippel, Lasche – Krüger. Da wurden die „Jungs“ und „Mädels“ im Piratensender gefragt, „warum muss es denn immer Englisch sein? (…) Macht doch was Deutsches, holt die Klampfe aus dem Schrank und singt wie unser Mike, von deutschen M-m-m-m-Mädels!“ Dieses Niveau haben Mike Krüger und Thomas Gottschalk bis zum vierten Teil konsequent weiter unterboten.

Kein Wunder, dass die beiden „Komiker“, mit ihrer Null-Unterhaltung, in Deutschland durchaus erfolgreich waren und damit den Grundstein für viele weitere Machwerke legten. „Die Einsteiger“ wurde von 1,2 Millionen Millionen Menschen im Kino gesehen. Damit war der Film erfolgreicher als der Filmklassiker „Mad Max“. „Die Supernasen“, der zweite Teil der Reihe, war in Deutschland sogar noch erfolgreicher als „Star Wars II“ und „Ghandi“.
Wer einen dieser „Supernasen“ Filme sieht wird erkennen, dass Gottschalk und Krüger bis heute keiner künstlerischen Entwicklung und nur einem Alterungsprozess unterworfen waren. Von den „Supernasen“ ist es nur ein kurzer Weg bis zu „Wetten Das“ oder „Sieben Tage – Sieben Köpfe“. Während Krüger für harmlose Kaffewerbung und krude Witzchen aus vergangenen Zeiten steht, steht Gottschalk für ein Fernsehformat, in dem Wetten a la „Wie viele BH’s mit einer Hand in einer Minute aufmachen können“ als die Krone der Fernsehunterhaltung gefeiert werden und in dem sich alternde Stars und der junge Nachwuchs die Klinke in die Hand geben, um ihr Produkt bewerben zu können.
Die Filme der „Supernasen“ – Reihe sind einfach nur Trash: Fernseh-Müll, den nicht einmal das „ZDF“ dem nostalgischen Publikum zumuten will. Schade, dass das nicht auch für Gottschalk und Krüger gilt. Diese wandelnden Zumutungen gelten in Deutschland bis heute als ernstzunehmende Komödianten und sind die lebenden Vorbilder für Mario Barth, Bully Herbig, Atze Schröder und wie sie sonst noch alle heißen.


Der Countdown läuft!

Am kommenden Dienstag startet die sechste Staffel der Mystery-Serie „Lost“ auf dem Sender „ABC“, der damit ein Kunstwerk der TV-Geschichte ausstrahlt. In der Serie stürzt das Flugzeug 815 auf einer einsamen Insel ab, die mitten im Nirgendwo gelegen ist. Die Serie schildert den Überlebenstrip der Passagiere. Die sind nicht alleine: Neben mysteriösen Bewohner_innen bewohnen auch Eisbären die karibische Insel. Außerdem existiert ein mysteriöses Rauchmonster und andere Ungeheuerlichkeiten. Doch „Lost“, dass ist nur die Folie für einen epischen Kampf zwischen zwei Polen und für jede Menge Verschwörungstheorie. „Lost“ ist auch die Geschichte der „Darma Initiative“, die in den 70′er Jahren die Insel erforscht, hirachisch organisiert ist und im Geheimen agiert. Das ist nur eine grobe Zusammenfassung dieser Serie, die eine ungeheure Dichte in der Erzählstruktur entwickelt. Die gesamte Geschichte wurde in verschiedenen Zeitebenen erzählt, die es Quereinsteiger_innen fast unmöglich machen, die Geschichte zu verstehen.


So wird „Lost“ vor allem von überzeugten Zuschauer_innen gesehen. Begeisterte Fans, die sich auf Conventions treffen, Fanspiele organsieren, an den Internetangeboten des TV-Senders „ABC“ partizipieren, sich als Darsteller_innen verkleiden, eigene Trailer schaffen oder zu den Dreharbeiten nach Hawai reisen, um die origalen Insel-Drehorte zu besichtigen. Verwackelte Fotos von Drehorten werden von tausenden von Fans im Internet debatiert. Die Serie ist also wie geschaffen für eine bessessene Fangemeinde, zu der sich der Autor, in aller Bescheidenheit, auch zählt.
Die Fans von „Lost“ haben nun weltweit Grund zum jubeln. Bald startet die Serie bei „ABC“. In vielen anderen Ländern läuft diese Serie bereits wenige Tage nach dem US-Start im Fernsehen. So zum Beispiel in Spanien, den Niederlanden und in Russland. Nur in Deutschland wird mensch sich noch ungefähr ein Jahr gedulden müssen. Hier läuft gerade die fünfte Staffel auf „Kabel 1″. Die Fans werden auf andere Möglichkeiten zurückgreifen, um ihre Serie zu sehen.
Meine absolute Lieblingsserie geht ihrem Ende entgegen. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, erst nach dem Ende dieser Serie über die Selbige zu bloggen. Das wird dann auch – in aller Ausführlichkeit – geschehen. Bis dahin freue ich mich auf ein grandioses Stück Fernseh-Geschichte. Irgendwann werde ich meinen Nachfahr_innen erzählen können, dass ich damals dabei gewesen bin.

Viel mehr Infos zur Serie gibt es im lesenswerten „Lostpedia-Blog“.

Rechtfertigungen.


Es hat fast ein halbes Jahr gedauert, bis sich die Band „Die Bandbreite“ über ihren Auftritt im „Club Voltaire“ in Frankfurt äußerte. „Die Bandbreite“ bezeichnet sich selbst als „die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on des Po­lit-​Pop“. In ihren Liedern finden sich Verschwörungstheorien, Homophobie und plumper Sexismus.
Da ist es kein Wunder, dass die Auftritte der Band immer mal wieder von Protesten begleitet werden. Am 09.10.2009 trat die Band, im Rahmen einer Veranstaltung der „Gruppe Arbeiterfotographie“, im „Club Voltaire“ auf. Im Vorfeld hatten verschiedene emanzipatorische Gruppen zu Protesten aufgerufen. In einem Aufruf war der Band „An­ti­se­mi­tis­mus, An­ti­ame­ri­ka­nis­mus, Ho­mo­pho­bie und NS-​Re­la­ti­vie­rung“ vorgeworfen worden. Etwa einhundert Menschen protestierten vor Ort. Nun gibt es, fast ein halbes Jahr später, eine Art Veranstaltungsbericht der „Bandbreite“, in Form eines Videos, dass die politische Positionierung der Band noch einmal untermauert.


Proteste gegen „Die Bandbreite“.

Der Verschwörungstheoretiker Elias Davidsson, der im Rahmen dieser Veranstaltung über den 11. September 2001 referierte, wird im Video als Kronzeuge benannt. Weil Davidsson ein „jüdischer Menschenrechtler“ sei, könne die „Bandbreite“ nicht antisemitisch sein, behauptet die Band. Das eben jener Elias Davidsson einige Wochen später auf einer Veranstaltung einer rechtsextremen Burschenschaft auftrat, verschweigt die Band. Auch jene Burschenschafter schienen mit der „Herkunft“ des Referenten kein Problem zu haben und ebenso wie die Burschenschafter benutzt „Die Bandbreite“ Davidsson als Alibi. Dabei sind Davidsson Thesen indiskutabel. Der tritt nicht nur vor Nationalsozialist_innen auf, sondern behauptet unter anderem, dass der „Propagandapparat eines Julius Streicher“ harmlos wäre, wenn mensch ihn mit dem heutigen Hollywood vergleichen würde.


Davidsson vor Burschenschaftern.

Im Video beklagt die Band angebliche „Denunziationen“, die es im Vorfeld gegeben hätte. Sie meinen damit nicht ihren Brandbrief, in dem die Band dazu aufrief, den damaligen Vorsitzenden des „Club Voltaire“ aus dem Amt zu mobben. Es sei „frag­lich“, ob der damalige Vorsitzende, Andreas Waibel, „als Mit­glied der Par­tei DIE LINKE in Frank­furt am Main noch trag­bar ist mit sol­chen Po­si­tio­nen“ hatte die Band damals geschrieben und ihre Unterstützer_innen aufgefordert, an den „Club Voltaire“ zu schreiben: „Schreibt bitte an den Club Volta­ire. Fragt nach, ob deren ers­ter Vor­sit­zen­der noch trag­bar ist.“


Brandbrief der „Bandbreite“.

Doch diese faktische Denunziationen werden von der Band nicht erwähnt. Statt dessen geht „Die Bandbreite“ auf einige Kritiken ein. Das Lied „Eingelocht“, dass eine Vergewaltigungsphantasie schildert, würde „bestenfalls eine zweitklassige Swinger-Club Situation“ darstellen. Die faktische Verharmlosung einer Vergewaltigunsphantasie als schlechte „Swinger-Club Situation“ macht die Abgründe deutlich, in der sich die Band befindet. Dabei ist der Song eindeutig: „Du bist nich artig und jetzt kommt deine Stra­fe, du kanns nicht er­war­ten, datt ich zärt­lich mit dir schla­fe (…). Ne, ne, es tut dir weh, doch wir war­ten nich, wo ich doch so sel­ten mal ’nen har­ten krich“ rappt Frontmann Wojna im Lied.

Solche Texte seien eben „Kunst“ behauptet die „Bandbreite“. Außerdem müsse mensch dann ja Mario Bart „auch in die Tonne kloppen“. In der Tat. Während „Die Bandbreite“ ihre Texte mit den unsäglichen sexistischen Witzchen von Mario – „Ich hab ’ne Freundin“ – Bart rechtfertigt, haben einige Antisexist_innen sowohl mit Mario Bart als auch mit der „Bandbreite“ ein Problem. Dem „Bandbreite“-„Rapper“ Wojna dient Mario Bart wiederum als Rechtfertigung für die eigenen Texte.

Hinterher sei der „Laden gestürmt“ worden behauptet die Band: „Ich glaub das waren drei Leute, einer mit ’nem Megaphon“.Das seien allesamt „Antideutsche“, die „Glauben“ würden, „dass alle Deutschen einen genetischen Fehler haben und Nazis werden“. Deswegen würden die „Antideutschen“ über kurz oder lang „alle Deutschen ausrotten wollen“. So zumindest Frontmann Wojna, der anschaulich beweist, dass er einer Hass-Phantasie über die „Antideutschen“ aufgesessen ist. Denn von einem „genetischen Defekt“ gehen wohl die wenigsten „Antideutschen“ aus und mit der „Bandbreite“ haben nicht nur vermeintliche oder tatsächliche „Antideutsche“, sondern viele Linke ein Problem. Das diese „Antideutschen“ so etwas wie Ideologie-Kritik betreiben, scheint die Band bis heute nicht begriffen zu haben: Im Kern ihrer Kritik steht die so genannte „deutsche Ideologie“, mit der sich schon Karl Marx auseinandersetzte. Biologische Konstrukte spielen dort keine Rolle. Doch solche Zusammenhänge sind für „Die Bandbreite“ nicht relevant.

Sie wollen weiterhin ihre Liedchen verbreiten, wo „nicht zärtlich“ mit Frauen „geschlafen“ wird. Sie wollen weiterhin ihre Verschwörungstheorien verbreiten. Sie wollen weiterhin gegen radikale Linke und „Antideutsche“ hetzen. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Agenda weiterhin mit Protest begegnet werden wird. Eine Möglichkeit würde sich 19.06.2010 bieten. Dann tritt die Band beim „Festival des politischen Liedes“ in Weissenbach am Attersee (Östereich) auf.

„Piraten“ vs. „Antifa“.

Über die rechten Tendenzen einiger „Piraten“ wurde in diesem Blog bereits des Öfteren berichtet. Nun gibt es, anläßlich des geplanten Nazi-Aufmarsches in Dresden, eine eigentlich sinnvolle Presseerklärung, in der die „Piraten“ dazu aufrufen, sich „ausdrücklich zur Gegendemonstration, zu Kundgebungen und Mahnwachen“ zusammenzufinden. Diese „Presseerklärung“ wird durch einen Kommentar ihres Pressesprechers, Simon Lange, ad absurdum geführt, der tatsächlich wohl lieber gegen die Antifaschist_innen demonstrieren würde: „Wenn es eine Demo gegen die ANTIFA gäbe wäre ich genauso dabei wie bei einer Demo gegen die NPD“ schreibt der „Pressesprecher“ in einem Kommentar, bei dem er „ganz bewusst NICHT“ vergleichen wollte, aber die Feststellung traf: “ Die totalitären Bestrebungen sind gleich!“. Wenn es nun eine Demonstration gegen die „Piraten“ geben würde, wäre ich wahrscheinlich „genauso dabei“, wie „bei einer Demo gegen die NPD“. Zumindest ein antifaschistischer Hausbesuch beim „Pressesprecher“ sollte doch möglich sein!

(Via Dissonanz)

Der verkürzte Schwur.


Immer wieder berufen sich verschiedene linke Gruppen auf den „Schwur von Buchenwald“. Nach der Befreiung des Konzentrationslagers am 11. April 1945 verfassten die Überlebenden diesen Schwur, der vor 21.000 ehemaligen Gefangenen verlesen wurde: „Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht. Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden und ihren Angehörigen schuldig“ heißt es im Schwur. Nach dem Verlesen des „Schwures von Buchenwald“ erhoben die Häftlinge ihre Arme und sprachen: „Wir schwören“.
Oftmals wird nur dieser Teil des „Schwurs von Buchenwald“ erwähnt. So benennt die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ auf einem T-Shirt und auf einigen Internetseiten nur diesen Teil des Schwurs, auf den sich Antifaschist_innen verschiedener Couleur berufen. So schreibt die „Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend“ (SDAJ) Thüringen, dass die Gefangenen des Konzentrationslagers „den Nazismus mit seinen Wurzeln vernichten“ wollten, um „eine Welt des Friedens und der Freiheit“ aufzubauen.
Das ist sicherlich richtig. Doch die Gefangenen, die dem Tod entronnen waren, ging es auch um einen ganz konkreten Dank an jene Armeen, die den Nationalsozialismus militärisch zerschlagen hatten: „Wir danken den verbündeten Armeen, der Amerikaner, Engländer, Sowjets und allen Freiheitsarmeen, die uns und der gesamten Welt Frieden und das Leben erkämpfen“ heißt es im „Schwur von Buchenwald“. Außerdem wird sich im Schwur auf den gerade verstorbenen Präsidenten der USA berufen: „Wir gedenken an dieser Stelle des grossen Freundes der Antifaschisten aller Länder, eines Organisatoren und Initiatoren des Kampfes um eine neue demokratische, friedliche Welt, F. D. Roosevelt. Ehre seinem Andenken!“
Diese Zeilen erfreuen sich nicht so großer Beliebtheit. Ganz im Gegenteil existiert eine gekürzte Version, die auf verschiedenen Internetseiten, aber auch in linken Zeitungen, wie der „Offensiv“ aus Hannover oder den „Roten Kalenderblättern“ der „DKP“ Brandenburg verbreitet wird. In dieser Version kommt der Dank an die Allierten nicht vor: Der „Schwur von Buchenwald“ wurde auf die Zeilen gekürzt, auf die sich „Linke“ verschiedener Couleur gerne berufen.
Da verwundert es mich dann auch nicht mehr, wenn so genannte „antinationale“ Gruppen, auf den „Schwur von Buchenwald“ rekurieren, um sich gegen den Dank an die Allierten auszusprechen. In einem Debattenbeitrag, der auf der Internetseite des Portals „Indymedia“ veröffentlicht wurde, heißt es unter anderem: „Was um alles in der Welt reitet neuerdings einige AntifaschistInnen, ausgerechnet die alliierten Militärapparate hochzujubeln?“ Kurz darauf berufen sich die Autor_innen auf einen „Befreiungsbegriff, der ‚die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln‘ (Schwur von Buchenwald) voraussetzt“. Das aber in jenem „Schwur von Buchenwald“ eben jenen „verbündeten Armeen“ und dem Freund „der Antifaschisten aller Länder“, Franklin D. Roosevelt, gedacht wird, war den „antionationalen“ Texter_innen warscheinlich nicht bewusst. Aber vielleicht hätten sie auch 1945 die rhetorische Frage gestellt, was „um alles in der Welt“ Antifaschist_innen dazu bringen würde „ausgerechnet die alliierten Militärapparate hochzujubeln“?

Doofe Deutsche – IV.

In der unregelmäßigen Reihe der „doofen Deutschen“ präsentiere ich ein ganz besonderes Exemplar dieser Spezies. Dieses possierliche Exemplar versucht sich in einer Art Sprechgesang in seiner heimischen Umgebung. Dabei verbindet er, recht typisch für einen stolzen, doofen Deutschen, rassistische Hetze mit nationalsozialistischen Grußbotschaften. Technisch bewegt er sich auf dem Niveau, dass mensch aus „Deutschland sucht den Superstar“ und den anderen Shows, in denen Stars produziert werden, kennt. Mensch beachte außerdem die gewagten Tanzeinlagen und die beachtliche Kameraführung. Seht selbst: Anschauen auf eigene Gefahr!

Die Insel.

Am 12. Januar 2010 erschütterte ein schweres Erdbeben den südlichen Teil Haitis. Es starben mehr als 100.000 Menschen. Grosse Teile der Infrastruktur wurden komplett zerstört. Hunderttausende Menschen sind obdachlos. Während die Hungerkatastrophe auf Haiti in den Jahren zuvor keine internationale Aufmerksamkeit hervorgerufen hatten, kam es nach dem Erdbeben zu einer Welle der internationalen Hilfsbereitschaft. So sendeten verschiedene Länder, unter ihnen Cuba, Venezuela, die USA, Deutschland und Israel, Ärzte und Hilfsteams in das Katastrophengebiet. Der Schauspieler John Travolta flog mit seinem Flugzeug Hilfslieferungen und Scientolog_innen auf die Insel. Die USA schickten Soldat_innen, die den Flughafen und andere Objekte der Insel kontrollieren. Diesen „Wettbewerb der Helfer“ nennt Jörn Schulz in der „Jungle World“ nicht zu Unrecht die „Stunde der Heuchler“. Haiti zählt zu den so genannten „Failed States“ und stand die letzten sechs Jahre faktisch unter Kontrolle der Vereinten Nationen. 7000 Soldat_innen und 2000 Polizist_innen sollten für eine stabile Entwicklung sorgen. Doch faktisch existierte in Haiti eine Elendsverwaltung durch eine korrupte Oligarchie, die sich rechtsextremer Milizen bediente, um ihre Ziele durchzusetzen.
Doch diese Tatsachen interessieren andere Beobachter_innen wenn überhaupt nur am Rande. Bereits kurz nach dem Erdbeben entstanden einige Theorien, die das Elend einordneten. Während Fidel Castro beispielsweise den Einsatz von Soldat_innen kritisiere, aber dennoch darauf verwies, dass die „bescheidenen Luftfahrzeuge und die bedeutenden Humanressourcen, die Kuba dem haitianischen Volk zur Verfügung gestellt hat, auf keinerlei Schwierigkeiten gestoßen sind, ihr Ziel zu erreichen“, sprechen andere von einer faktischen Invasion Haitis durch die USA. Dieses Erklärungsmodell findet sich sowohl in der „Jungen Welt“ als auch in anderen Zeitungen und Medien. Diesen Zeitungen und Medien waren die 7000 Soldat_innen der Vereinten Nationen, die vor dem Erdbeben auf der Insel stationiert waren, egal. Es brauchte wohl erst Soldat_innen aus den USA, um eine angebliche Besetzung durch diesen Staat herbeizureden. Dabei wird auf die Rohstoffe der Insel verwiesen, die sich die USA angeblich aneignen wollten.
Diese Erklärung wirkt noch harmlos gegenüber anderen Theorien, die kurz nach der Katastrophe durch das Internet und andere Medien geisterten. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Erklärung des venezulanischen Präsidenten Hugo Chavez, der tatsächlich behauptete, beim Erdbeben hätte es sich um ein Experiment der USA gehandelt, die Haiti lediglich als Testfläche für einen Angriff auf den Iran benutzt hätten. Mit dieser Mega-Geheimen-Super-Waffe wollten die USA „Gott spielen“, so zumindest der venezulanische Präsident. Die USA seien auch für Erdbeben in China verantwortlich, behauptete Chavez, jedoch ohne eine seiner Thesen in irgendeiner Form zu belegen. „Außerdem könne die Waffe auch Überflutungen, Dürre und Hurricanes auslösen“.
Belege braucht es bei einem Erklärungsmodell, bei dem eine schreckliche Naturkatastrophe angeblich durch eine geheime Super-Waffe der USA ausgelöst wurde, nicht mehr. Diese Erklärung funktioniert nicht über wissenschaftliche Fakten, sondern über einen Anti-Amerikanismus, bei dem die USA für eine Naturkatastrophe verantwortlich gemacht werden. Bei dem weit verbreiteten Hass auf die USA ist es kein Wunder, dass die Erklärung des venezulanischen Präsidenten, von anderen Medien aufgegriffen wurde. So berichtete nicht nur das antisemitische Nazi-Portal „Altermedia“, sondern auch diverse verschwörungstheoretische Internetseiten und das deutschsprachige Nachrichtenportal des iranischen Regimes.
Neben der angeblichen US-Invasion nach dem angeblichen Beschuss durch eine Mega-Geheime-Super-Waffe gibt es auch noch eine andere Verschwörungstheorie, die vor allem über das Internet verbreitet wird. Bereits kurz nach dem Erdbeben findet sich eine aktualisierte Version der antisemitischen Ritalmord-Legende: Helfer_innen aus Israel seien angeblich gar nicht zum Helfen vor Ort. Sie wollten sich, so zumindest die antisemitische Verschwörungstheorie, lediglich die Organe der Haitianer_innen aneignen. Dies behauptete der US-Bürger T. West in einem Youtube-Video: „In seiner Video-Botschaft behauptet er, Angehörige der israelischen Armee seien am Diebstahl von Organen beteiligt. Das Gerücht hat sich rasant im Internet und darüber hinaus verbreitet. Eine englischsprachige Online-Zeitung aus der Türkei hat bereits zwei Tage nach Erscheinen des Videos das Thema aufgegriffen und mit einer eindeutig antisemitischen Karikatur illustriert, zeitgleich berichtet auch ein iranischer Nachrichtensender in einem Artikel über den angeblichen Organraub.“
Diese Erklärungen wurden beispielsweise vom deutschen Antisemiten Detlef Nolde aufgegriffen, der in seinem Blog alle geschilderten Theorien propagierte und vom „Holocaust in Haiti“ sprach (Screenshot). Des Weiteren berichtete die Seite „Steinberg-Recherche“ und andere Seiten aus dem Spektrum der Israel-Gegner_innen. Aus einem Erdbeben machen sie einen Angriff. Selbst wenn israelische Helfer_innen Leben retten, machen diese Akteure des Antisemitismus, aus diesem Hilfs-Einsatz noch einen Organraub. Hunderttausend Tote scheinen gerade gut genug, um den Hass gegen Israel zu schüren.