Die Rückkehr des Helmut K.

Was macht eigentlich Altkanzler Helmut Kohl? Um den Politiker war es still geworden. Die Folgen eines schweren Sturzes vor mehr als einem Jahr. Nun will er wieder öffentlich auftreten. Er hat sich ein symbolträchtiges Datum ausgesucht. Am 08. Mai 2009 wird Kohl seinen ersten öffentlichen Auftritt absolvieren. Der 08. Mai ist aber auch der Jahrestag der militärischen Zerschlagung des Nationalsozialismus. An diesem Tag kapitulierte das „Deutsche Reich“ vor den Allierten, die damit dem systematischen Massenmord ein Ende setzten.

Kohl und der 8. Mai
Öffentliche Auftritte und Skandale rund um den 08. Mai? Helmut Kohl kann ein Lied davon singen. Schließlich hatte er anlässlich des 40sten Jahrestag der Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945, am 05. Mai 1985, gemeinsam mit dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan einen Kranz auf dem Soldatenfriedhof zu Bitburg niedergelegt. Auf diesem sind nicht nur amerikanische GIs beerdigt, sondern auch mindestens 43 Soldat_innen der Waffen-SS. Die Geste wurde verstanden. 40 Jahre nach Kriegsende sollten die deutschen Täter_innen auf eine Ebene mit jenen gehoben werden, die den Nationalsozialismus militärisch zerschlugen. Natürlich gab es Kritik im In- und Ausland, die Kohl und Konsorten aber nicht ernst nahmen. Schließlich erwarteten die Deutschen, die die Vergangenheit verändern wollten, eine Entschuldigung von Ronald Reagan: Sollte „der amerikanische Präsident eine Geste der Versöhnung zeigen? Das war zu viel für viele Reagan-Kritiker, zu viel für meine Kritiker“ beklagt sich Kohl in seinen „Erinnerungen“.
Doch die Bitburg-Kontroverse ist ein historisches Ereignis, dass die Gleichsetzung von Täter_innen und Opfern deutlich macht. Danach besuchten der Kanzler und der Präsident das Konzentrationslager Bergen Belsen, um dort ebenfalls einen Kranz niederzulegen.


Kohl und Reagan in Bitburg.

Hans Martin Schleyer.
Der alte SS-Mann Hans Martin Schleyer hatte sich seine Qualifikation vor allem im „Reichsprektotorat Böhmen und Mähren“ erworben. Dort hatte er sich im „Zentralverband der Deutschen Industrie für Böhmen und Mähren“ verdient gemacht. Der Verband war unter anderem für die „Arisierungen“ und die Beschaffung von Zwangsarbeiter_innen zuständig. Bis heute ungeklärt ist Schleyers Anteil an der Erschießung von 41 unbewaffneten älteren Männern, Frauen und Kindern am 6. Mai 1945, zwei Tage vor der der militärischen Zerschlagung des Nationalsozialismus.
Nach dem Krieg machte Schleyer eine steile Karrierre innerhalb der wichtigsten Wirtschaftsverbände der aufstrebenden Bundesrepublik. Von 1962 bis 1968 war er Vorsitzender des Verbandes der Metallindustrie Baden-Württemberg. Als Mitglied der CDU wurde Schleyer am 6. Dezember 1973 Präsidenten der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) gewählt. Ab dem 1. Januar 1977 amtierte er zusätzlich als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Am 19. Oktober 1977 wurde die Leiche Schleyers, nach dessen Entführung durch die Rote Armee Fraktion, in einem Kofferraum im deutsch-französischen Grenzgebiet gefunden. Mitglieder_innen der Roten Armee Fraktion hatten Schleyer zuvor hingerichtet. Damals hatte Kohl die Regierung Schmidt unterstützt, die im deutschen Herbst zu keinerlei Konzessionen bereit war. Böse Zungen werfen der Regierung und seinem Krisenstab bis heute vor, den Tod Schleyers in Kauf genommen zu haben.


Schleyers Fahrzeug nach der Entführung durch die RAF

Schleyer, Kohl und der 08. Mai 2009.
Die nach dem alten SS-ler und Wirtschaftsführer Schleyer benannte „Hans Martin Schleyer“ Stiftung möchte am 08. Mai 2009 in Stuttgart tagen. Helmut Kohl wird einige Worte über seinen Freund verlieren. Schließlich bekommt er den „Hanns-Martin-Schleyer-Preis“ verliehen. An diesem symbolträchtigen Tag, der Befreiung vom Nationalsozialismus, wird Kohl seinem „alten Freund“ ein paar warme Worte widmen. Dem alten SS-Mann würde es wahrscheinlich gefallen. Beide symbolisieren die politischen Kontinuitäten. Der eine noch SS-Mann und fanatischer Nationalsozialist, der andere mit der „Gnade der späten Geburt“ gesegnet und daher dazu in der Lage vor SS-Gräbern einen Kranz niederzulegen und damit die Geschichte zu verdrehen. Beide waren Führungspersönlichkeiten der Bundesrepublik, jener Republik, in der viele Nationalsozialisten – im nunmehr demokratischen Gewand – ihre beruflichen Biographien nahtlos fortsetzen konnten. Da ist es nur gerecht, das am 08. Mai jener Mensch einen Preis bekommt, der sich einige Jahre vorher für die Gleichsetzung von Täter_innen und Opfern verdient gemacht hat.


Kohl: Heute.

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3 Antworten auf „Die Rückkehr des Helmut K.“


  1. 1 [Dekonstruktion] 03. April 2009 um 11:37 Uhr

    Würd ich mal sagen – deutsche Realität!

  2. 2 Antideutsch 04. April 2009 um 13:41 Uhr

    deutsche kontinuität!

  3. 3 [Dekonstruktion] 04. April 2009 um 14:17 Uhr

    Deutsche Normalität…

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