Die aktuelle Ausgabe der anthroposophischen Zeitschrift „Erziehungskunst“, einer Monatszeitschrift über die „Waldorfpädagogik“, bietet wieder ganz besondere Einblicke in das Leben an Waldorfschulen und die Sicht von Waldorfpädagog_innen und anderen Anthroposoph_innen auf die Welt von heute.
Der Artikel über die „Erziehungskunst“ kann im neuen Reflexion-Blog gelesen werden: KLICK!
16 Antworten auf „Begutachtete Erziehungskünste.“
- 1 Pingback am 10. März 2010 um 15:46 Uhr
- 2 Pingback am 25. November 2010 um 16:29 Uhr
- 3 Pingback am 27. November 2010 um 11:45 Uhr
Du schreibst: „Noch immer wird den Eltern ein Mitspracherecht verweigert.“
Die Eltern sind Teil der „pädagogischen Schicksalsgemeinschaft Waldorfschule“. Solange sie tun, was von ihnen erwartet wird, ist alles o.k. Wenn jemand aber „Mitsprache“ ernst nimmt, sieht’s anders aus:
„Wie gut sind Waldorfschulen?
Eine Antwort einer Mutter aus dem Ruhrgebiet auf die gleichnamige TV-Dokumentation des SWR.
(…) Jeden Monat fand ein Elternabend statt. Pflichtbewußt nimmt man auch regelmäßig daran teil, man gehört ja jetzt dazu, zur großen Waldorf-Bewegung. Alles wird im Detail besprochen, so glaubt man. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, so glaubt man. Es ist aber vielmehr so, dass von Seiten der Schule vorgegeben wird, wohin z.B. eine Klassenfahrt geht. Unter welchem Thema z.B. die Karnevalsfeier steht, usw., usw.. Platz für eigene Ideen bleibt da nicht, sie sind auch nicht gefragt – jedenfalls nicht so, dass diese Ideen auch einmal umgesetzt würden. Hat man irgendwelche Fragen oder Einwände, so werden diese geschickt abgeblockt oder gar nicht erst zur Kenntnis genommen – es sei denn, sie könnten auch nur irgendwie der Sache Rudolf Steiners dienlich sein. ‘Steiner, Steiner über alles!’, so lautet die Devise der Waldorfschule, wie ich aber erst viel später verstehen konnte – leider verstehen musste. (…)
http://www.ruhrbarone.de/wie-gut-sind-waldorfschulen/
Ich gebe dir da vollkommen Recht und glaube auch nicht, dass wir bei dem Thema so unterschiedlicher Auffassung sind. Aber vielleicht irre ich mich auch.
Natürlich wird die Mitarbeit von Eltern, zum Beispiel bei Basaren, Klassenspielen oder durch die eher schweigende Anwesenheit bei Elternabenden, eingefordert. Mit einer realen Partizipation hat so etwas aber nichts zu tun und Kritiker_innen an bestimmten Umständen (etwa ein einigen Lehrmethoden) stehen schneller im Abseits, als sie erahnen können. Allerdings bewirkt das System Waldorfschule, dass die wenigsten Eltern auf die Idee kommen, überhaupt Dinge in Frage zu stellen.
Die von der angesprochene Reportage eignet sich im Übrigen hervorragend für einen Einblick in dieses Schulsystem und ist auch auf den einschlägigen Doku-Seiten zu finden. Ansonsten sei an dieser Stelle noch auf folgendes Buch verwiesen, in dem eine ehemalige „Waldorf-Mutter“ ihre Erfahrungen schildert:
Jacob/Drewes: „Aus der Waldorfschule geplaudert. Warum die Steiner-Pädagogik keine Alternative ist“ (Taschenbuch im „Alibri Verlag“).
@ Administrator
Ich denke, wir sind völlig einer Meinung: Alles, was von der vorgegebenen Linie abweicht, ist in der Waldorfschule unerwünscht.
Die Eltern, die mich kontaktiert haben, sind von der Linie abgewichen. „Kritiker“ im engeren Sinne muss man nicht sein, um in der Waldorfschule massive Probleme zu bekommen, herausgemobt zu werden.
Ja. Ich kenne Beispiele an Waldorfschulen, bei dem so etwas Menschen passiert ist, die sich durchaus als gute Anthroposoph_innen verstanden haben und für die die Welt dann vollkommen zusammengebrach, weil ihre Waldorf-Welt sie nicht mehr akzeptieren wollte, obwohl sie sich keiner „Schuld“ bewusst waren…
Die Eltern sind Teil der „pädagogischen Schicksalsgemeinschaft Waldorfschule“, oder wie ich es es im „Seminar für Waldorfpädagogik Berlin“ lernte, Teil des „sozialen Organismus Waldorfschule“: Um das höhere Ziel zu erreichen, arbeiten alle Teile des Organismus zusammen … z.B. indem man ein Online-Voting gemeinsam zu seinem Vorteil manipuliert:
http://hpd.de/node/4473
„Online-Abstimmung mit Schönheitsfehler
DÜSSELDORF. (hpd) Der Bund der Freien Waldorfschulen hat erfolgreich bei einer Online-Abstimmung interveniert – doch die Aktion ist aufgeflogen. Die Wirtschaftswoche zeigte sich „not amused“ und hat in ihrer Internet-Ausgabe über den Vorgang berichtet. Die Waldörfler hingegen verstehen die ganze Aufregung nicht… (…)“
Die WiWo schreibt selber:
http://www.wiwo.de/technik-wissen/wiwo-de-leser-verdaechtig-einig-274113/
„Voting: Private versus Öffentliche Schulen – wiwo.de-Leser verdächtig einig
(…) Eine so eindeutige Antwort hatten wir ehrlich gesagt nicht erwartet – und sie machte uns stutzig. Zustimmungsraten von über 90 Prozent mögen in totalitären Staaten häufig vorkommen. (…) Der Bund der Freien Waldorfschulen, den wiwo.de telefonisch um eine Stellungnahme bat, sieht das naturgemäß anders: „Von außen kann das seltsam erscheinen, aber das sind Eltern, die nach freiem Willen abstimmen“, sagte Albrecht Hüttig, Vorstandsmitglied des Bundes Freier Waldorfschulen, gegenüber wiwo.de. Sein Verband sei basisdemokratisch und hätte auf Aufforderung von Eltern reagiert. „Wir sehen das mit großer Freude, was sie da gemacht haben“, so Hüttig weiter.“
Sind die Waldorfschulen, WiWo, „totalitäre Staaten“ oder, Bund der Freien Waldorfschulen, „basisdemokratisch“?
Hier übrigens noch ein weiterer, sehr guter, die Thematik behandelnde Artikel bei den Ruhrbaronen:
http://www.ruhrbarone.de/waldorfschule-curriculum-und-karma-das-anthroposophische-erziehungsmodell-rudolf-steiners/
Lesenswert!
Was ich an dem Satz „Noch immer wird den Eltern ein Mitspracherecht verweigert.“ viel problematischer finde ist die Tatsache, dass das Mitspracherecht der SchülerInnen wieder völlig ausgeklammert wird. Mitspracherecht der Eltern schön und gut, jedoch sind doch die Eltern genauso Teil eines Systems von Unterdrückungen und Bevormundungen die adultistisch legitimiert werden.
Ansonsten wieder mal sehr interessanter Artikel.
@ Travers
Du schreibst: „viel problematischer finde ist die Tatsache, dass das Mitspracherecht der SchülerInnen wieder völlig ausgeklammert wird.“
Die Waldorf-SchülerInnen sind gleichgeschaltet. Valentin Hacken, Vorstand der WaldorfSV, der bundesweiten Schülervertretung der Waldorfschulen, hat beim blog „Ruhrbarone“ einen Artikel gegen mich geschrieben. Kein einziger eigener Gedanke Hackens, alles beim „Bund der Freien Waldorfschulen“ abgeschrieben.
In der Diskussion zu seinem Artikel stellte sich heraus, dass die „WaldorfSV“ voll vom „Bund der Freien Waldorfschulen“ abhängig ist, siehe:
„Waldorf-Kritik: Wenn das Licht ausgeht“
http://www.ruhrbarone.de/waldorf-kritik-wenn-das-licht-ausgeht/
echt bewunderswert, dass du dir das antust, diesen Kram à la Erziehungskunst zu lesen und auszuwerten, bin selbst bei derartigen Versuchen Eso-Kram kontinuierlich auszuwerten mittelfristig immer gescheitert
@Andreas Lichte:
Mir ging es jetzt eigentlich nicht um Schülervertretungen und auch nicht primär um und Waldorf-SchülerInnen wobei auch da schon „alle über einen kamm“ die falsche Strategie ist.
Ging mir mehr um Schule und SchülerInnen im generellen.
Das kann ich, aus eigener Erfahrung, bestätigen: Eine kritische Herangehensweise an die Unterrichtsinhalte, die auf den Guru Steiner zurückgehen, findet dort nicht statt. Als ich die Waldorfschule verlassen (musste), konnte ich mir nicht erklären, warum das denn nun geschehen ist. Von Rudolf Steiner hatte ich bis dahin nur das Beste gehört. Selbst einige Dokumentationen, die die rassistischen und menschenfeindlichen Positionen Steiners deutlich machten, wurden geflissentlich ignoriert, allerdings nicht nur von mir, sondern von allen Schüler_innen. Ich kann mich erinnern, dass es nach einer Dokumentation im Fernsehen, mal so etwas wie eine abendliche Versammlung gab, bei der der „Arier“ und Atlantis-Mythos von der Lehrerin als normale Lehrinhalte dargestellt wurden: Es gab keinen Widerspruch.
Die Schülervertretung an meiner Schule war ein Witz: Ich war ein Jahr „Klassensprecher“ und meine „Arbeit“ bestand darin, vorgaben der Lehrer_innen umzusetzen. Als mir das irgendwann zu blöd war, war ich die längste Zeit „Klassensprecher“.
Dafür sorgen auch ideologisch-verblendete Schüler_innen, die in den Lehrer_innen, tatsächlich so etwas wie ein „Vorbild“, dass „verehrt“ wird, erkennen.
Ich muss Andreas also aus eigener Erfahrung zustimmen: Waldorfschüler_innen laufen mit einem Tunnelblick durch die Welt. Kritik wird ignoriert. Kritiker_innen werden ausgegrenzt. Es ist schwer gegen diese ideologische Verdummung anzukommen. Umso schöner ist es aber zu sehen, wie Menschen aus ihrem Zustand des Nicht-Denken könnens, herauskommen, wenn sie sich einmal kritisch mit den Waldorfschulen beschäftigen.
@ Entdinglichung:
Ich find solche Lektüre wirklich interressant und belustigend. Gerade wenn ich daran denke, dass auch „Linke“ ihre Kinder an solche Schulen schicken, bin ich immer wieder erstaunt, wie offen reaktionäre Denkinhalte propagiert werden.
@ Travers:
Find ich auch und ich denke, dass das an Waldorfschulen eine besondere Qualität besitzt, weil den heranwachsenden Schüler_innen ein eigenständiges Denken abgesprochen wird. Dieses soll, nach Steiner, auch nicht zu früh entwickelt werden und Kinder sollten dementsprechend auch nicht zu früh mit Logik konfrontiert werden, weil ansonsten verkopfte Menschen herauskommen würden.
@ Alle:
Danke für Links und Hinweise…
R. Steiner, Állgemeine Menschenkunde, S. 142.