Archiv für Juni 2010

Der Aufmarsch IV.

Es ist ein heißer Tag an diesem Samstag, den 05.06.2010. Kurz nachdem die israelische Armee die Schiffe gestoppt hat, die die Gaza-Blockade durchbrechen wollten, haben sich auch in Bremen bis zu 3.000 Menschen zusammengefunden, um gegen das israelische Vorgehen zu protestieren…

… den ganzen Bericht zur anti-israelischen Demonstration gibt es im neuen Reflexion-Blog: KLICK!

Manchmal kommen sie wieder.

Die Internet-Nachrichten des rechtskonservativen und verschwörungstheoretischen „Kopp-Verlag“, werden seit dem 22.06.2010 durch einen weiteren Moderator gestaltet, der die rechtskonversative Anti-Feministin Eva Herman ergänzen soll. Es handelt sich um den Schauspieler Michael Meziani…

… den ganzen Bericht gibt es im neuen Reflexion-Blog: KLICK!

Reaktionen.

Seit Tagen fragt er bei mir an: Fragt, junger Mann, wie hältst du es mit der Band „Die Bandbreite“? Wie hältst du es, mit dem „israelischen Piratenakt“? Er schreibt und zitiert mit Vorliebe Wikipedia. Mit geradezu messianischer Aufmerksamkeit begleitet er mich durch den Tag und er kann es gar nicht fassen, dass es Menschen gibt, die bei seiner Verurteilung des israelischen Staates und seiner Verteidigung der Band „Die Bandbreite“, die dem verschwörungsideologischen Milieu zugeordnet werden kann, nicht mitmachen wollen. Er heißt eigentlich Sigi Maron und ist ein Liedermacher aus Österreich, der wie die Verschwörungstheoretiker und Deutschland-Fans der Band „Die Bandbreite“, am kommenden Wochende auf dem „Festival des politischen Liedes“ (Ö) auftritt, worüber in diesem Blog bereits berichtet wurde. Sigi Maron macht seit Jahrzehnten Musik. Bereits 1976 wurde er mit der „Leckts mi am Oasch-Ballade von ana hortn Wochn“ bekannt. Mit seiner Single „Geh no net fort“ war er 1985 ganze zehn Wochen in den österreichischen Charts vertreten. Der „Austropop“-Musiker, der in den vergangenen Jahren erfolglos für die „Kommunistische Partei Österreichs“ (KPÖ) kandidierte, hat allerdings keine Probleme mit den Texten der Band „Die Bandbreite“ und freut sich bereits auf deren Auftritt auf dem „Festival des politischen Liedes“.
Geradezu erbost ist dagegen Klaus Hartmann , der Vorsitzende des „Deutschen Freidenker Verband“ (DFV), der sich in der „Jungen Welt“ zu Wort meldete, um seinen „Linken Liedersommer“ zu bewerben, der am vergangenen Wochenende, unterstützt von der IG Metall in Baden-Württemberg, stattfand. Als Gaststars war die bereits erwähnte Band „Die Bandbreite“ geladen, die pünktlich zur Weltmeisterschaft einen schwarz-rot-goldenen Ballermann Song herausgebracht hat und die ansonsten auch auf Treffen des rechten, verschwörungstheoretischen Spektrums ihre Musik vortragen.

Die Kritik an der „Bandbreite“ hat Klaus Hartmann so richtig aufgebracht, so dass er sogar zu unlauteren Mitteln greift, um seine Thesen zu belegen. Hartmann behauptet, dass die Vorwürfe gegen die Band, „aus der Luft gegriffen“ seien und erwähnt das Lied „Selbst gemacht“, in dem die Band witzigerweise Verschwörungstheorien propagiert: „Ein an­de­res Un­ter­fan­gen dat war ziem­lich ma­ka­ber, ei­ge­ne Leute ge­op­fert im Mas­sa­ker von Pearl Har­bor, ja die bösen Ja­pa­ner, die euch nur dabei hal­fen, end­lich mit in den zwei­ten Welt­krieg ein­zu­grei­fen“ heißt es dort beispielsweise. Die USA werden dort also für den Angriff der japanischen Armee auf Pearl Harbour verantwortlich gemacht. Dies ist eine bekannte Verschwörungstheorie, die zum Beispiel im reaktionären Verschwörungsfilm „Zeitgeist“ kolportiert wird.
Doch zurück zu Klaus Hartmann: „Als Konstantin Wecker für den Linken Liedersommer auf seiner Facebook-Seite warb, wurde auch er wüst beschimpft“, behauptet dieser. Nur geht dies aus der Facebook-Seite des Liedermachers nicht hervor (Screenshot) und Hartmann weiß diese Behauptung auch in keiner Weise zu belegen. Stattdessen beruft sich der Vorsitzende der „Freidenker“ auf die wortgewaltige Unterstützung aus dem Bundestag: „Die Mitglieder des Bundestages von der Linkspartei Christine Buchholz, Diether Dehm und Wolfgang Gehrcke erklärten dazu treffend, daß man ‚bei Liedermachern nicht jeder Liederzeile zustimmen‘ müsse, aber wenn die künstlerische Freiheit nicht dem Antifaschismus widerspricht, müsse sie ‚gegen terroristische Allmachtsphantasien von Antideutschen mit allen zivilen Mitteln verteidigt werden‘“. Das ist ganz nach dem Geschmack des Vorsitzender der „Freidenker“, der die „Antideutschen“ bereits vor längerer Zeit als „neue Rechte“ bezeichnete. Sie seien „durch und durch rassistisch“, sagte Hartmann ebenfalls in der „Jungen Welt“.

Die „Junge Welt“ unterstützt den „Freidenker“, der der „Bandbreite“ ein Podium gab, auch weiterhin, in dem die Zeitung kurz nach dem Festival einen ausführlichen Bericht veröffentlichte, der eine Huldigung der Band „Die Bandbreite“ darstellt. Verfasst wurde dieser Jubel-Artikel von Kai Degenhardt, Sohn des Liedermachers Franz Josef Degenhardt und vom ehemaligen Spion Reiner „Topas“ Rupp, der für die „Deutsche Demokratische Republik“ aus der NATO-Zentrale in Brüssel spitzelte. In dem Artikel heißt es unter anderem, dass die Band „den Ansatz des politischen Lieds ins Hier und Heute“ überführt hätte. Das liegt, so Degenhardt und Rupp, auch an den „sieben Jahren Gesangsunterricht“, der dazu geführt hätten, dass der Frontmann der Band, Marcel „Wojna“ Wonjarowicz „mitreißend“ vortragen würde. Das Publikum des „Linken Liedersommers“ sei „sehr angetan“ gewesen. Außerdem hätten sich die Zuschauer_innen „ganz nebenbei davon überzeugen“ können, „wie lächerlich die von ‚antideutscher‘ Seite ausgerechnet gegen diese Band erhobenen Vorwürfe in Sachen Nationalismus, Homophobie, Sexismus, Verschwörungstheorie und was auch immer noch alles sind.“ So jedenfalls der Jubelbericht über die Band „Die Bandbreite“ in der „Jungen Welt“.
Um die Texte der Band zu entschuldigen, greift diese nun auf eine Satire-Ausrede zurück. Zeilen wie: „Jetzt bist du An­ti­deutsch, jetzt bist du An­ti­na­tio­nal, nennst dich Links und bist wahr­haft ein Fa­scho“ waren allerdings ernst gemeint und wurden auch auf diese Art und Weise verstanden: Mehr als 73.000 Mal wurde diese plumpe Diffamierung bereits angesehen. Andere Liedern der Band, wie zum Beispiel der Song „Miesmuschel“, sind sexistische Texte, die ebenfalls mit einer Ausrede entschuldigt werden: „Du bist nich artig und jetzt kommt deine Stra­fe, du kanns nicht er­war­ten, datt ich zärt­lich mit dir schla­fe“, soll nun eine „Kritik“ darstellen, weil die „Ausübung von Sexualität zum Konsumgut verkommt“. So die verwunderliche, neuartige Ausrede der „Bandbreite“: „Wer meint, satirische Texte eins-zu-eins auf ihre politische Korrektheit überprüfen zu müssen, hat das Genre ohnehin nicht kapiert“, heißt es dazu in der „Jungen Welt“. Einfacher kann es mensch sich nicht machen. Die Kritiker_innen der Band werden auf diese Art und Weise zu Idiot_innen gemacht, die „das Genre ohnehin nicht kapiert“ hätten. Dabei benutzten Rupp und Degenhardt den rechten Kampfbegriff der politischen Korrektheit, um die Kritik von Antisexist_innen und Antifaschist_innen ad absurdum zu führen. Auch das gehört zur großen Ausrede, die „Die Bandbreite“ und ihre Verteidiger_innen nun benutzten. Die Frage, ob das Schlagerduo „Klaus und Klaus“ und die anderen Bands, mit denen „Die Bandbreite“ auf einem schwarz-rot-goldenen WM-Sampler (s. Cover) vertreten ist, auch nur „Satire“ machen, die lediglich von den deutschnationalen Fans nicht verstanden und daher gekauft wird, wird in der „Jungen Welt“ allerdings nicht beantwortet.


Die Verschwörungsideologen vom „Infonetzwerk Berlin“, die am 21. August 2010 einen „Truth Move“ veranstalten wollen, werden auf diese Ausrede verzichten können. Sie haben die Band „Die Bandbreite“ tatsächlich ausgeladen, weil „antideutschen Mörderfreunde das zum Anlass nehmen könnten“ die Veranstaltung zu stören, schreibt eine Freundin der Band. Der „Bandbreite“ Sänger „Wojna“ Wonjarowicz, der zu den Bundestagswahlen (2009) im Rahmen einer obskuren Wahlbewegung antrat, die einen „Friedensvertrag für Deutschland“ forderte, äußert sich ebenfalls in seinem Blog, hat diesen Beitrag jedoch mit einem Passwort geschützt. Dort beschreibt sich der Sänger als „Kämpfer für Wahrheit und Meinungsfreiheit an vorderster Front“, der sich „Kugeln eingefangen“ hätte, aber doch „noch aufrecht“ steht, trotz „antideutscher Brut“ und fordert die „Solidarität“ seiner Verschwörungskumpanen aus Berlin ein.
Nicht abgesagt wurde hingegen der Auftritt der Band auf dem „Festival des politischen Liedes“, das am kommenden Wochenende stattfinden wird. Die Veranstalter_innen haben mittlerweile mehrere Dokumente ins Internet gestellt, um sich für die Verschwörungstheorien der „Bandbreite“ zu positionieren. Aus diesen Dokumenten wird auch ersichtlich, dass die Band eine Art Leitfaden, eine „Erste Hilfe für VeranstalterInnen“, erstellt hat, der den Veranstalter_innen ausgehändigt wird, damit diese einen Umgang mit eventuellen Kritiker_innen finden können. Diese „Erste Hilfe“ der Band wird von den Veranstalter_innen ausführlich benutzt und zitiert. „Die Bandbreite“ tut eben alles dafür, um als ganz normale Band des linken Spektrums wahrgenommen zu werden. Angesichts des Zustands der deutschen, aber auch der österreichischen Linken, dürfte dieses Anliegen von Erfolg gekrönt sein. Daher darf mensch schon auf die nächsten Jubelberichte, Interviews und sonstige Stellungnahmen in der „Jungen Welt“ gespannt sein.

Die Fotos sind Screenshots aus dem WM-Video der „Bandbreite“.

Weitere Reaktionen aus linken Medien und einen Bericht über eine Podiumsdiskussion gibt es hier…

„Wenn ich nicht hier bin….“


Das Foto entstand während der Kundgebung „Gegen das Bündnis der Kriegstreiber von Linkspartei und Hamas! Solidarität mit Israel“, die am 12. Juni 2010 in Berlin vor dem Karl-Liebknecht-Haus, der Zentrale der Partei „Die Linke“, stattfand. Das Plakat ist an Lied von Peter Licht angelehnt und spielt auf die Geschlechtertrennung auf der „Mavi Marmara“ an, der sich die beiden Bundestagsabgeordneten, die an der Reise teilnahmen, unterwarfen.

Einen Bericht zur Kundgebung gibt es bei „Kotzboy.com“.

Deutsche Zombies.

Über „Antiterra“ bin ich auf den Zombie-Kurzfilm „Die Nacht der lebenden Idioten“ (2006) aufmerksam geworden. Nach dem Verzehr von Gammelfleisch mutieren die Besucher einer Grillparty zu deutschen Fan-Zombies: „Ihnen wachsen Fanschals, Fußballnational-trikots, Oberlippenbärte, Bierbäuche und sie grölen unaufhürlich Fußballlieder vor sich hin. Und wer mit ihnen in Kontakt kommt, wird einer von ihnen.“ Ein paar Menschen können sich in ein nahe gelegenenes Sportlerheim retten und versucht dem Fan-Zombies zu entkommen. „So unterschiedlich wie ihre Charaktere sind auch ihre Lösungsansätze“.

Den Film kann man sich im neuen Reflexion-Blog anschauen: KLICK!

Was tun, wenn’s trennt.

Die Jugenzeitschrift „Bravo“, die sich als „das wichtigste Entertainment- und Informationsmagazin“ für die „Kernleserschaft zwischen 12 und 17 Jahren“ bezeichnet, überraschte in einer ihrer letzten Ausgaben, durch eine Art Trennungsratgeber. In diesem Ratgeber gibt es jeweils 10 Tipps, wie mensch sich nach einer Trennung am „Ex“ rächen kann. Ein Vorschlag ist zum Beispiel die Idee, 20 Pizzas an „seine“ Adresse zu liefern. „Er“ soll im Gegenzug ein benutztes Kondom im Briefkasten hinterlassen oder einen Unfall vortäuschen, für den die vorherige Liebe verantwortlich gemacht wird. Die „Bravo“ veröffentlicht also Ratschläge, die sich am Rande der Strafbarkeit bewegen: Eine Mischung aus „Beleidigung“, „Betrug“, „Verleumdung“ und „Körperverletzung“:


Via Bildblog
. Einen weiteren Bericht gibt es im „GenderBlog“.

„Autoball und Pfeifkonzert“.

Ähnlich viele Pfiffe musste nur Giovanni Zarella ertragen. Zarrella, ebenfalls ein ehemaliges Mitglied der deutschen Castingband “Bro‘Sis” repräsentierte Italien. Der in Hechingen geborene Zarella wird immer wieder auf den fröhlichen, singenden Italiener reduziert, was ihn hinreichend für die Rolle des Bad-Guys qualifizierte. Deutschland wurde natürlich von Stefan Raab vertreten. Er besaß auch die Zustimmung des Publikums, die jedes seiner Tore begeistert beklatschte und in die Hymne einfiel, die aus den Boxen erklang: „Ich liebe deutsche Land“ hieß es dann. Wenn der italienische Wagen den Ball erfolgreich im gegnerischen Tor unter brachte, lief das „Pizza Leed“ der Band „De Höhner“: „Oh la la, wissetu eine Pizza? Oh la la, Pizza wundaba!“

Einen Bericht zur Autoballweltmeisterschaft des Stefan Raab, die am vergangenen Wochenende auf ProSieben zu sehen war, gibt es bei „Sportswire“.

Die Rückkehr der Eva H.


Mit einer Art „Tageschschau“ für das Internet versucht der verschwörungstheoretische, rechtskonservative „Kopp-Verlag“ für Aufmerksamkeit zu sorgen. Die Nachrichten werden von der „Kopp“-Autorin und ehemaligen „Tagesschau“-Sprecherin Eva Herrman moderiert, die in den vergangenen Monaten ein Buch im Verlag veröffentlichte, aber auch für die Nachrichtenseiten des Verlags schrieb. Dort warnte sie vor „Gender-Mainstreaming“ und anderen angeblichen Gefahren, die die deutsche Familie zerstören würden.
Im „Kopp-Verlag“ werden aber auch die Bücher des an­ti­se­mi­ti­schen „hohle Erde“ Theo­re­ti­kers Jan Udo Holey (alias „Jan von Hel­sing“) vertrieben. Ebenso erscheinen dort die Bücher des an­geb­li­chen „Is­lam-​Kri­ti­kers“ Udo Ul­fkot­te, der sein Buch im „Kopp-​Ver­lag“ mit einer „gro­ßen Deutsch­land­kar­te zum Her­aus­neh­men“ be­wirbt, auf denen alle „bür­ger­kriegs­ge­fähr­de­ten Ge­bie­te“ zu fin­den sind, die an­geb­lich auf­grund „eth­ni­scher Span­nun­gen“ in den Großstädten der Bundesrepublik ent­ste­hen wür­den. Aktuell spricht Eva Herman nicht nur die „Nachrichten“ des Verlags, die sich auch auf den üblichen Videoportalen finden lassen, sondern hat – natürlich auch im „Kopp-Verlag“ – ein Buch veröffentlicht, in dem sie ihren skandalträchtigen medialen Abgang vermarktet. „Die Wahrheit und ihr Preis“ nennt sich das neueste Machwerk der Eva H., das es aktuell auf Platz 21 der „Spiegel-Bestsellercharts“ geschafft hat.


Faksimile der „Kopp“-Nachrichten.

Dieser obskure „Kopp-Verlag“ findet immer wieder seinen Weg in die großen Medien. Als Vehikel dient ihm Udo Ulfkotte, aber vor allem Eva Herrman, die sich einer teilweisen Rückkehr in die großen Medien sicher ist, seitdem sie exklusiv für die „Bild“–“Zeitung“ ihre Sicht auf die Dinge veröffentlichen konnte, die zur ihrer Entlassung beim NDR führten. Das Boulevard-Blatt war sich nicht zu schade, die Buch-Erinnerungen der Herman in Auszügen abzudrucken. Im Mai veröffentlichte die „Bild“–“Zeitung“ ganze vier Artikel über die rechtskonservative Anti-Feministin: „Eva Herman rechnet mit ihren Kritikern ab“ hieß nur eine der reisserischen „Bild“-Schlagzeilen. Knapp drei Jahre zuvor hatte Eva Herman die nationalsozialistische „Familienpolitik“ gelobt und musste kurz darauf den NDR verlassen.
Die fünf Minuten langen „Nachrichten“ des „Kopp-Verlags“ haben es wiederum bis in einen Bericht des Fernsehsenders RTL geschafft. In der Sendung „Exclusiv – Weekend“ (06.06.2010), in der die neuesten News über „die Schönen und Reichen“ verbreitet werden, wurden die „Nachrichten“ des „Kopp-Verlags“ beworben. Dort gab es natürlich kein Wort der Kritik an den Positionen Eva Hermans, die während der Europawahlen 2009 die rechtsklerikale Kleinstpartei „AUF“ unterstützt hatte und die nach eigenen Angaben einen Kampf gegen „grau­si­ge Ideo­lo­gie der Gleich­heit von Mann und Frau“ führt. Ebenso kein Wort der Kritik an dem Verlag, in dem Eva Herman publiziert. Etwa über Bücher, in dem für das Attentat auf John F. Kennedy „CIA, Mafia und Hochfinanz“ verantwortlich gemacht werden oder in denen der Selbstmord des FDP-Antisemiten Jürgen Möllenmann umgedeutet wird.
Stattdessen gab es bei „RTL Exclusiv Weekend“ also eine Werbung, die nicht als solche gekennzeichnet war und die dem „Kopp-Verlag“ den ein oder anderen Klick durch interessierte Zuschauer_innen beschert haben dürften, die durch „RTL-Exclusiv-Weekend“ auf die „Nachrichten“ des „Kopp-Verlag“ aufmerksam wurden. Ebenso dürfte es den Leser_innen der „Bild“ ergehen, die durch einen weiteren Artikel über Eva Herman über ihre neueste Karriere informiert wurden: „Ich finde gut, dass wir dort Nachrichten bringen können, die sonst nicht so im Fokus stehen“ sagte Herman der „Bild“. Ein Blick in die bisherigen Sendungen offenbart wenig Überraschendes: Verschwörungstheorien, wie die baldige Einführung des Impstoffs gegen Krebs, Ulfkotte-Texte über die „IHH“ und die Paranoia vor dem EU-Parlament, das angeblich bestimmte Rollenbilder verbieten wolle, durchziehen die „Nachrichten“ des „Kopp-Verlags“ wie einen roten Faden. Dank der tatkräftigen Unterstützung durch „Bild“ und RTL könnte Eva Hermans Rückkehr vor die Bildschirme tatsächlich glücken. Zumindest erstmal im Internet.

Update (23.06.2010): Eva Herman wird durch den ehemaligen „Marienhof“-Darsteller Michael Meziani ergänzt. Einen Artikel gibt es hier.

Reisebericht I.

Kaum zurück aus Israel, gab die Bundestagsabgeordnete der Partei „Die Linke“ , Annette Groth, die sich an der Gaza-„Friedens“-Fahrt beteiligt hatte, die am 31.05.2010 durch die israelische Armee beendet wurde, der Online-Zeitung „Scharf Links“ ein Interview. In diesem Interview schildert Anette Groth ihre Erlebnisse während ihrer Reise…

… der ganze Artikel kann im neuen Reflexion-Blog gelesen werden: KLICK!

Monster, Mythen, Massenware.


Mit einem großen Fernsehfinale auf „ABC“ endete am 23. Mai 2010 eine außergewöhnliche Fernsehära. Das Datum markiert das Ende der Erfolgsserie „Lost“, die es damit auf 121 Folgen brachte. Mehr als 18 Millionen Zuschauer_innen schauten „The End“ alleine in den USA, hunderttausende in den Tagen danach, über illegale und legale Downloads. Tausende in der Nacht von Sonntag auf Montag vor verschiedenen Streams, um „Live“ dabeizusein und das Ende einer Fernsehsendung zu erleben, das als Ende einer Ära angekündigt worden war. Damit ging eine Fernsehserie zu Ende, die auf ihre Art und Weise prägend war. Zum Beispiel für die Zuschauer_innen, aber auch für Plagiator_innen, die den Fernsehmarkt mit billigen Mystery-Müll beliefern. Aber natürlich auch für mich, den kleinen Kritiker. „Lost“ ist keine Fernsehserie wie jede andere: Sie ist im besten Sinne Fernsehkultur und episches Drama zugleich. Nach dem Ende der Serie wird es Zeit eine kleine Bilanz über „Lost“ zu ziehen. An dieser Stelle also einige Randbemerkungen zu einem großen Drama in sechs Akten, beziehungsweise eher sechs Staffeln in 121 Folgen.

I. Der Beginn.

Sechs Jahre zuvor war Flug 815 der „Oceanic Airlines“ über einer einsamen, gruseligen und vermeintlich verlassenen Insel abgestürzt. In den ersten Tagen nach dem Absturz, die unter anderem im grandiosen Pilotfilm zu sehen sind, mussten die Toten begraben und die fast Toten beim Sterben begleitet werden. In den nächsten dreißig Tagen, von denen die erste Staffel handelt, waren die Überlebenden des Absturzes gezwungen sich ein gemeinsames Leben zu organisieren: Die Serie spielte vor allen Dingen in der ersten Staffel mit den Problemen und Freuden, die solch eine Form des unfreiwilligen Zusammenlebens mit sich bringen kann. Außerdem spukte ein mysteriöses Rauchmonster über die Insel, das von den Fans der Serie bald „Smokey“ genannt werden sollte und es gab eine Höhle, in der ein Skelett-Pärchen eine einsame Wache hielt. Außerdem bevölkerten neben den obligatorischen Wildschweinen auch einige Eisbären die verlassene tropische Insel.
Die ersten Folgen wirkten also wie eine neuartige Mischung aus „Akte X“, „Tarzan“ und „Forrest Gump“. Außerdem gab es bereits seit den ersten Folgen eine Unzahl von kulturellen Referenzen über Filme, Bands und Bücher, die auf verschlungenen Pfaden in die Hände der Überlebenden gelangten oder die als zufälliges Zitat, als Name auftauchten. Markenzeichen war des Weiteren eine waklige Handkamera, die die Darsteller_innen minutenlang begleitete und sich Zeit für Details nahm.


Doch die Serie wurde auch durch eine Erzählstruktur bereichert. In so genannten „Flashbacks“ erfuhren die Zuschauer_innen einige Einblicke in die vorherigen Leben der Protagonist_innen. Einblicke über die auf der Insel oftmals geschwiegen wurde, weil die dunkle Vergangenheit der Protagonist_innen oder die Scham sie zum Schweigen verdammte. Die meisten Überlebenden hatten ihre dunklen Geheimnisse und waren keine schillernden Held_innen, wie mensch sie so oft zu sehen bekommt: Da war zum Beispiel Kate Austin (Evangeline Lilly), die vor dem Absturz eine gesuchte Mörderin war. Sie hatte sich gegen den brutalen und übergriffigen Vater zur Wehr gesetzt. Auch ihre Vergangenheit wurde in den „Flashbacks“ rationalisiert und erklärt. James „Sawyer“ Ford (Josh Holloway) war ein Trickdieb, der zuvor einen Mann ermordet hatte, den er für den Mörder seiner Eltern hielt, bevor er ebenfalls auf der Insel strandete. Mr. Eko (Adewale Akinnuoye-Agbaje) hatte mit Drogen und Waffen gehandelt und war bereits als Kindersoldat mit einer Art alltäglichen Gewalt konfrontiert, die ihn – den anders Gläubigen – letztendlich zum überzeugten Christen werden ließ. Drogen konsumierte wiederum Charlie Pace (Dominic Monaghan, „Herr der Ringe“), der in der Serie der gescheiterte Sänger der aufgelösten Erfolgsband „Driveshaft“ war. Mr. Eko wurde eines der ersten Opfer des geheimnisvollen Inselrauchmonsters Smokey, das willkürlich vernichtete oder verschonte. Aber Eko starb, weil der Schauspieler nicht über so lange Zeit für die Serie zur Verfügung stehen wollte. Die Kirche, die der fanatische aber auch gutmütige Christ auf der einsamen Insel errichten wollte, blieb unvollendet. Ebenso unvollendet wie die Geschichte des Mr. Eko, die die Autor_innen der Serie nicht mehr erzählen konnten oder wollten.

Andere Überlebende, wie zum Beispiel der liebenswürdige Hugo „Hurley“ Reyes (Jorge Garcia), hatten die Psychatrie überstanden oder Trennungen und Todesfälle über sich ergehen lassen müssen. „Lost“ war immer eine Fernsehserie, in der soziale Strukturen und ihre stetige Veränderung – durch die Zeit und den Streit – veranschaulicht wurden.
Die Held_innen der Serie mussten sich, trotz aller vermeintlichen Unterschiede, zusammenraufen, um ein Überleben zu sichern. Zuallererst mussten die rudimentären Grundlagen des Überlebens gesichert werden: Man ging jagen und fischen und am Abend gab es Bier und Buch. Am nächsten Tag wurde die Insel erforscht. Ohne die „Flashbacks“, die den Charakteren der Serie eine ungeahnte Tiefe verliehen, wäre das sicherlich schnell langweilig geworden. Allerdings wurden die Zuschauer_innen auch durch das Rauchmonster und einen Bootsbau in Atem gehalten. Außerdem schienen mysteriöse Fremde die Überlebenden zu terrorisieren. Schließlich organisierte Hurley Reyes, ein symphatischer Lottogewinner, der sich für verflucht hielt, eine Art „Volkszählung“.
Es gab einen Überlebenden, der sich nicht im Flugzeug befunden hatte. Die Überlebenden fühlten sich durch den „Anderen“ infiltriert, zumal Ethan Rom durch sein psychopathisches Auftreten nicht gerade sympathisch wirkte. Außerdem war er für einen Entführungversuch und Morde verantwortlich und zog sich daher verständlicherweise den Hass der Überlebenden zu, so dass Ethan Rome bei seiner Flucht, von dem Menschen getötet wurde, der eigentlich sein Opfer sein sollte. Außerdem gab es eine faszinierende Luke, unter der sich alles (!) befinden konnte und die nicht geöffnet werden konnte. Irgendwann ging John Locke, einem weiteren Überlebenden, der vergeblich nach seiner Bestimmung suchte, aber ein Licht auf, auch wenn die Zuschauer_innen in dieser Staffel nichts, aber auch gar nichts über den Inhalt der Luke erfahren sollten.


Das Finale der ersten Staffel wurde damals vom Fernsehsender „Pro Sieben“ als das „große Finale der Fernsehserie Lost“ beworben. Auch ich war auf diese Werbung hereingefallen: Hatte ich „Lost“ zuvor unregelmäßig gesehen, war das vermeintliche Finale für mich ein Fernseh-Pflicht-Termin. Gegen Ende ersten Staffel hatten einige Überlebende ein Boot gebastelt, mit dem sie in die rauhe See stechen wollten, um die Insel zu verlassen. Kurz nach dem Verlassen der Insel wurden sie allerdings von mysteriösen, bärtigen Fremden attackiert, das Boot zerstört und Walt, ein kleiner Junge, geraubt. Schon dieses Ereignis war eine Überraschung, weil es schon arg auf einen Cliffhanger hindeutete. Genauso überraschend wie das Öffnen der merkwürdigen Luke, die ebenfalls in der letzten Folge der ersten Staffel durch John Locke (Terry O‘Quin), der vor der Insel in einem Rollstuhl gesessen hatte, geöffnet werden konnte. Das Staffelfinale der Serie glänzt mit einem überragenden Cliffhanger, der alles offen lässt und Spielraum für Interpretationen und Theorien bietet, was von den Lost-Fans begeistert angenommen wurde: Es gibt hunderte Foren, in denen die Theorien rund um die Serie debatiert wurden. Das Ende der ersten Staffel mit einer endlosen Kamerafahrt ins schwarze Nichts, nachdem das Boot zerstört und das Kind entführt worden war, bot dazu auch reichlich Gelegenheit.

II. Benjamin Linus.
Hatte mich die erste Staffel bereits angefixt, war ich nach der zweiten Staffel drauf: Lost war meine Droge. Andere konsumieren Speed, mir reichte eine Line Benjamin Linus (Michael Emerson). Spätestens mit dem Auftauchen dieses Charakters wurde jede Folge mit Spannung erwartet: Einmal die Woche war „Lost“-Tag. Doch auch die Enthüllung über die wahren Hintergründe der „Luke“ waren ganz große Fernsehunterhaltung.
Benjamin Linus nannte sich zunächst „Henry Gale“, als er von den Überlebenden gefangen genommen wurde. „Henry Gale“ behauptete von sich, mit einem Heißluftballon abgestürzt zu sein. Die Überlebenden entschieden sich, nach einigen Bedenken, relativ schnell dafür den Neuankömmling einzusperren und ein klein wenig zu Foltern.


Desmond Als Gefängnis nutzten sie einen Raum unter der geheimnisvollen Luke. Dort verbarg sich nämlich eine ebenso geheimnisvolle Station der mysteriösen „Dharma Initiative“, deren Mitglieder vor allem in den 70′er Jahren des letzten Jahrhunderts auf der Insel gelebt hatten, um Wissenschaft, Fortschritt und ein bisschen fernöstliche Esoterik auszuleben. Die Insel, auf der einige Phänomene, nicht zuletzt die „Knatterwolke“ existierte, bot nämlich hervorragende Bedingungen für Forschungen aller Art. Die Überlebenden des Flugs 815 finden auch einige mysteriöse Videos, in denen Aufgaben und Funktion der Station durch einen Wissenschaftler der Initiative erklärt werden: Es gehe darum, alle 108 Minuten eine Zahlenkombination in einen Computer einzugeben, ansonsten würde die Energie unter der Station freigesetzt werden, die durch einen Forschungsunfall entstand. Bis zu seiner Entdeckung durch die Überlebenden, hatte der letzte Aktivist der Initiative, Desmond Hume (Henry Ian Cussick), der auf unfreiwillige Art und Weise in der Station gelandet war, diese Aufgabe übernommen.


Alle zwei Stunden mussten die „Lost“-Protagonisten also eine Zahlenkombination eingegeben, eine alptraumhafte Prozedur, die bevorzugt von John Locke übernommen wurde, der immer wieder glaubte, für bestimmte gesellschaftliche Positionen auf der Insel bestimmt zu sein. Auch der Absturz von „Oceanic 815″ ist der geheimnisvollen Station zu verdanken, weil Desmond Hume an diesem schicksalsreichen Tag gerade dabei war, seinen Arbeitskollegen umzubringen, anstatt die Zahlenkombination in den altertümlichen Computer zu tippen: „4 8 15 16 23 42″.

„Henry Gale“, der nichts mit der „Dharma Initiative“ oder den „Anderen“ zu tun haben wollte, wird von den Überlebenden trotzdem als „Anderer“ klassifiziert. Grund genug für ein kleines bisschen Folter, denken sich einige Held_innen. Die Grenze zwischen Gut und Böse, die oftmals ein Prinzip vieler Serienwelten ist, verschwimmt: „Lost“ war – Michael Emerson sei Dank – im besten Sinne Grau.
Die Folter wurde unterdessen dem Menschen überlassen, der in der Serie als ehemaliges Mitglied der Garde des faschistischen Diktators Saddam Hussein eingeführt worden war. In den „Flashbacks“ wurde diese Folter-Karierre erklärt: Sayid Jerrah, der kein Folterer sein wollte, war bereits an den Folgen dieser auf erzwungenen Arbeit zerbrochen. Kurz darauf arbeitete er für einen Geheimdienst der USA, der die Befreiung des Irak versprach. Doch Sayid Jerrah wird 1991 im Stich gelassen, als die USA, kurz nach der Befreiung Kuwaits, nicht nach Bagdad vorrückten. Die Folter gegen „Henry Gale“ war aber nicht Sayids Idee, sondern die des strahlenden Helden Jack Shephard (Mathew Fox), der sich allerdings nicht die Hände schmutzig machen will und moralisierend auf den irakischen Experten zurückgreift. Kurz darauf serviert Jack Shephard dem renitenten Gefangenen aber immerhin ein Frühstück und versucht auf diese Art und Weise das erlittene Unheil zu sühnen.


„Henry Gale“ bliebt standhaft bei seiner Geschichte, vom Absturz mit dem Ballon, bei dem seine Frau angeblich ums Leben gekommen war. Die Befragungen des „Henry Gale“ gehören zu den ganz großen Momenten der Fernsehgeschichte. Zugleich wird die Paranoia deutlich, wenn bürgerliche Kleinst-Gesellschaften auf das Fremde treffen. Es gibt nämlich keinen ernstzunehmenden Hinweis auf eine Lüge; die Paranoia der Überlebenden sorgt aber trotzdem dafür, dass „Henry Gale“ nicht aufgenommen, sondern eingesperrt wird. Eigentlich gäbe es keinen Grund, „Henry Gale“ weiterhin von einem Leben in Freiheit fernzuhalten, doch letztendlich haben die Überlebenden, trotz Paranoia, merkwürdigerweise Recht mit ihrer Angst vor diesem „Anderen“; das Glauben sie zumindest. „Lost“ ist an dieser Stelle eine paradoxe und komplexe Unterhaltung, wie es sie nur selten gibt.


Der echte Henry Gale war zu diesem Serien-Zeitpunkt schon lange Tod: In Wirklichkeit ist „Henry Gale“ nämlich Benjamin Linus und damit der Anführer jener mysteriöser Menschen, die bereits einmal in Erscheinung traten, um den kleinen Walt zu entführen und die die Gruppe der Überlebenden über Ethan Rom infiltrierten. Benjamin Linus Auftauchen, seine Gefangennahme und Flucht ist von Anfang an geplant. Das dabei Menschen sterben nimmt er ohne moralischen Skrupel in Kauf. Es ist diese vermeintliche Überlegenheit, die Benjamin Linus als skurriles planendes Monster erscheinen lässt, dessen Motivation vorerst unklar bleibt. Alleine wie die Geschichte dieses merkwürdigen, mysteriösen „Anderen“ inszeniert wird, zählt zu den großartigen Momenten der Fernsehserie „Lost“. Umso notwendiger war es, die dritte Staffel zu schauen, denn das Finale der zweiten Staffel war eine bilderreiche Ankündigung, dass dieses Geheimnis bald gelüftet werden könnte.

Mittlerweile war ich umgestiegen und schaute die Serie, kurz nach der US-Ausstrahlung im englischen Original, aber mit deutschen Untertiteln, die von einem Menschen namens „Willow“ ins Internet gestellt wurden, der viele Lost-Fans bis heute dankbar sein werden. Die Untertitel wurden innerhalb von Tagen tausendfach aus dem Netz heruntergeladen. Kein Wunder: Die Verunstaltung durch die deutsche Synchronisation war nämlich spätestens ab dieser Staffel kein Ärgernis mehr, sondern ein ein mehr als ausreichender Grund, auf das Original aus den USA zurückzugreifen. In der deutschen Synchronisation verschwand zum Beispiel der wundervolle schottische Akzent des Desmund Hume. Außerdem kam es zu sinnentfremdenden Entstellungen, die einfach nicht notwendig waren oder sogar der Serie den Sinn nahmen. Oder es wurden Sätze synchronisiert, die im Original aus den USA untertitelt waren. Die Serie wurde für den deutschen Markt zurecht gefertigt. In Deutsch ist diese Serie daher ihres Charmes beraubt. Es ist ähnlich wie bei einer schlechten Übersetzung, die einem Buch den Sinn nimmt. Die Synchronisation hat der Serie nur geschadet. Gerade in Deutschland wurde „Lost“ auf diese Art und Weise zu einer billigen Massenware, irgendwie zwischen „Primeval“ und „TV Total“ in’s Programm gepresst. Das war schon schlimm, doch viel schlimmer war der deutsche Versuch, ein eigenes „Lost“ zu produzieren: „Verschollen“, so der Name der Serie, wurde von RTL komplett in einem Studio in Köln produziert und sollte eine endlose Serie werden. „Verschollen“ sollte Abenteuer-Insel-Romantik mit einem tüchtigen Schuss Seifenoper vermischen und das war, wie es sich anhört: Einfach deutsch und grauenhaft. Die Serie wurde nach nur 29 Folgen eingestellt.

Verschollen
Verschollen“ auf RTL gegen „Lost“ auf Pro Sieben.
Lost

Behind the curtain.
Die dritte Staffel der Serie zählt zu dem allerbesten, was das Fernsehen je hervorgebracht hat. Sie dreht alles um, stellt die Handlung vom Kopf auf die Füße und läßt die Zuschauer_innen mehr oder weniger sprachlos zurück. Denn die mysteriösen „Anderen“, hinter denen die Zuschauer_innen schlimmstenfalls archaische „Fremde“ vermuteten, entpuppen sich in den ersten Minuten der ersten Folge dieser Staffel, als zivilisierte Bewohner_innen der Insel, die über alle Annehmlichkeiten der modernen Zivilisation verfügen: Inklusive Buchklub, in dem sich die Einwohner_innen, die vormals als barbarische Fremde inszeniert wurden, über Stephen King auslassen und über die hohe Literatur philosophieren. Die „Anderen“ entpuppen sich also als Mitglieder einer besonderen Form der bürgerlichen Gesellschaft, die natürlich ebenfalls hierarchisch und gewaltförmig organisiert ist. Nachdem „Lost“ mit den ersten Folgen dieser Staffel, die Frage nach der Herkunft und der Gewaltbereitschaft der „Anderen“ beantwortet und aufdeckt, dass die mysteriösen Fremden viel eher zivilisierte Menschen sind, stehen auch ganze Handlungsweisen der vorherigen Staffeln in Frage.


Hatte Benjamin Linus etwa Recht, wenn er den Überlebenden des Flugzeugabsturz vorwarf, zu Foltermethoden zu greifen, die eines zivilisierten Menschen unwürdig sind? Sperrte er nicht zeitgleich seine Gegner ein? Sind Jack, Sawyer, Kate und die anderen Überlebenden nicht vielmehr diejenigen, die am Strand vegitieren und bei Nahrung und Liebe in Hauen und Stechen verfallen? Sind also die Guten die Bösen? Mit diesen und anderen Fragen zu spielen ist eine der Stärken, die die Fernsehserie „Lost“ ausgezeichnet hat.
Einige Überlebende, die von einem der ihren verraten worden waren, wurden in dieser Staffel auf „Hydra-Island“ gefangen gehalten: Die Eisbären, auf die die Überlebenden in der der ersten Staffel gestoßen waren, waren dort zu Zeiten der „Dharma Initiative“ für Experimente gehalten worden. Dann nutzten die „Anderen“ die Käfige, um einige Überlebende, deren Namen auf Listen vermerkt waren, gefangen zuhalten und zu befragen. Über die Gründe schwiegen sich die „Anderen“ aus. Solchen und andere Szenen sollten erst in der sechsten Staffel der Serie eine Sinnhaftigkeit verliehen werden. Ob diese Herleitung am Ende der sechsten Staffel allerdings bereits während der dritten Staffel geplant war, wissen wohl nur J.J. Abrams, Damon Lindeloff und Carlton Cuse, die maßgeblichen Verantwortlichen hinter der Serie.
In der dritten Staffel erlebten die Zuschauer_innen das vorherige Leben der Überlebenden und der anderen vor allem mit den so genannten „Flashbacks“, in denen Lebensabschnitte der Protagonist_innen visualisiert wurden. Dadurch konnten viele Charaktere eine ungeahnte Tiefe entwickeln, die ihr Verhalten auf der Insel erst glaubwürdig machte und manchmal auch legitimierte. „Lost“ zeigt die prägenden Abschnitte der Hauptpersonen in zahlreichen Rückblenden. Auf diese Art und Weise ist nicht nur die erwähnte Charakterentwicklung möglich, sondern für den regelmäßigen Zuschauer_innen kann eine tiefere Bindung zu den Held_innen der Serie entstehen. Eine Art Lost-Familie, die einmal in der Woche über die Bildschirme flimmerte. Besser als der deutsche Mist - „Lindenstraße“, „Tatort“ und „Big Brother“ – ist die Serie in jedem Fall.
Das Finale der dritten Staffel brach mit dem bisherigen Konzept der Erzählstruktur. Von nun an wurde ein Teil der Lost-Geschichte in so genannte „Flash Forwards“ verpackt: Es gab Einblicke in eine Zukunft, die noch nicht Gegenwart der Protagonist_innen war. „Lost“ war eben innovatives Fernsehen, das sich von vorherigen Fernsehserien durch den Aufbau der Handlung unterschied.
Die Geschichten, die erzählt wurden, waren nicht auf eine Folge beschränkt, sondern es existierte ein Handlungsbogen, der sich durch wenige Brüche auszeichnete und durch die ganze Serie zog, sowie eine komplexe „Timeline“. Serien wie „Babylon 5″ oder „Star Trek – Enterprise“ hatten es vorgemacht: Die dritte Staffel der Serie um die „Star Trek“ Abenteuer des Captain Archer und seiner tollkühnen Crew, handelte eine komplexe Erzählung, in einer linearen Geschichte ab, die auf die ganze Staffel verteilt wurde. „Lost“ steigerte und radikalisierte dieses Konzept: Angeblich existierte ein Handlungsbogen, der der kompletten Serie eine Sinnhaftigkeit verleihen würde. Die Geschichte wurde nicht linear erzählt. Die mythologische Geschichte wurde in verschiedenen zeitlichen Ebenen entwickelt und es war eben auch die Zukunft und Vergangenheit, in der sich die Handlung entwickelte. Statt „Flashbacks“ durften die Zuschauer_innen im Finale der dritten Staffel nun eine neue Erzählstruktur erleben, die mit den bisherigen Sehgewohnheiten brach. „Lost“ stand eben ganz besonders dafür, sich permanent revolutionieren zu müssen, wenn die Serie nicht untergehen sollte. Die Antwort der Produzent_innen und Autor_innen nannte sich „Flash Forward“ - mit denen die Handlung in einer nicht allzufernen Zukunft gezeigt wurde.
Die Serie wandelte sich – nach und nach -in eine Richtung, in der religiöse Themen zu einem wichtigen Thema wurden, auch wenn viele philosophische Fragen über die Existenz von Wahrheit, Schicksal und Bestimmung zwar aufgeworfen, aber nicht beantwortet wurden. Hier ließ „Lost“ viele Fragen offen und damit Platz und Raum für das, was Nerds und Fans brauchen: Spielraum für Interpretationen, die unterschiedlich ausfallen, je nach dem was für Menschen die Frage über die Existenz von Schicksal oder Bestimmung beantworten werden.

Doch im Finale der dritten Staffel sahen die Zuschauer_innen mal wieder ihre Held_innen, die wie so oft auf Rettung hofften. Diesmal in Gestalt der Penelope Widmoore, Gattin des einsamen Stationsbewohners Desmond Hume, die sich auf die Suche nach ihrem verschollenen Ehemann gemacht hatte. Liebe überwindet eben alle Grenzen, Zeiten und Hindernisse; auch das war die romantisierende Botschaft, eine Art schöner Schein, der „Lost“ von Anfang an umgab. Die Zuschauer_innen durften so ein Bedürfnis erleben, dass vielleicht auch einigen Leser_innen dieses Artikels bekannt vorkommen mag: Das Bedürfnis alle Ungerechtigkeiten, die in dem sozialen Zwangsumfeld stattfinden können, in einer schnukligen romantischen Beziehung zu Zweit aufheben zu können.

Jack Shephard, der umunstrittene Held der Serie, balgte sich mit James „Sawyer“ Ford, dem wortkargen Desperado, um Kate Austin, der die Autor_innen der Serie ein weiteres sexistisches Stereotyp auf den Hals schrieben: Die mehr oder weniger distanzierte Kate sollte sich nicht zwischen ihren beiden Verehrern entscheiden können, so gerne sie das auch gewollt hätte, was zu allerhand romantischen Verwicklungen und dem darauf folgenden Rumgeopfere der sich betrogen-fühlenden Männer führte. Ein wenig wurde dies durch die Einführung einer weiteren Rolle, der Ärztin Juliette Burke (Elisabeth Mitchel, „V“) aufgehoben, die den Drei-Ecks-Kampf in ein Vier-Ecks-Durcheinander überführte. „Lost“ spielte an dieser Stelle nicht mit Stereotypen, sondern reproduzierte sie. Im Umgang mit Rollenbildern stellte „Lost“ heterosexuelle Lebensmodelle vor und das heißt vor allem die moderne Kleinstfamilie, in der Männer auf unterschwellige Art und Weise Herrschaft ausüben können. Eine engere Beziehung, etwa zwischen Jack und Sawyer, stand wohl nie im Raum. Eine Kritik an Rollenbildern konnten oder wollten die Autor_innen in diesem Fall nicht entwickeln, auch wenn die Herrschaftsverhältnisse in der asiatischen Kleinstfamilie detail- und facettenreich dargestellt wurden. Es ist schade, dass Lost es nicht geschafft hat, was in anderen Fällen geglückt ist: Mit althergebrachten Denkgewohnheiten und gezogenen Schlüssen durch neue Szenen und neue Details oder einen neuen Blick zu brechen.

Der Hänger.
Die „Flash-Forwards“, mit denen das Leben der Protagonist_innen in der Zukunft geschildert wurde, verschmolzen in der vierten Staffel der Serie zu einer Zeitlinie. Das hat die Serie viel Zeit und Kraft gekostet; denn viele Geschichten mussten erzählt werden, von denen den Zuschauer_innen schnell klar gewesen ist, was das Ergebnis sein würde. Schließlich hatten sie es bereits in den „Flash Forwards“ gesehen.
Das Zerwürfnis zwischen John Locke und Jack Shephard, die sich einen enormen Konkurrenzkampf um die Vorherrschaft unter den Überlebenden lieferten, kündigte sich etwa bereits auf der Insel an. Zeitgleich sahen die Zuschauerinnen in den „Flash Forwards“ das Leben nach der Insel, in denen John Locke und Jack Shephard tragisch und endgültig getrennt worden waren. Die Figur des John Locke, der durch seinen Vater in den Rollstuhl befördert wurde, ist eine weitere tragische Figur der Serie. Immerzu glaubt er, für eine besondere Aufgabe geschaffen worden zu sein. Immerzu wird dieser naive Glauben von anderen Menschen für ihre Zwecke missbraucht.
Doch zuallerst wurden die Überlebenden und die „Anderen“, die sich noch kurz zuvor gegenseitig ermorden wollten, von der Ankunft einer dritten Partei überrascht. Es war der reiche, snobistische Drecksack Charles Widmoore, der einen Frachter – beladen mit Söldnern – zur Insel geschickt hatte, um Macht und Einfluss über die Insel zu erringen. Die Überlebenden hatten mit ihrer Suche nach Rettung lediglich einen weiteren Konkurrenten an Land geholt, der die Herrschaft über die geheimnisvolle und wichtige Insel übernehmen wollte. Die zu diesem Zweck herbeigerufenen Söldner taten das, was Söldner tun: Sie mordeten sich brutal durch die Gegend, um den Anführer der „Anderen“, den geheimnisvollen und intriganten Benjamin Linus, in ihre Gewalt zu bringen. Was läge da näher, als die einzige – vermeintliche – Verwandte des Benjamin Linus als gigantisches Druckmittel zu verwenden. Doch Benjamin Linus nahm den Tod seiner Tochter Alexandra Rousseau (Tanja Raymonde) in Kauf, auch wenn er nicht damit gerechnet hatte, dass die Söldner ihre Exukutions-Androhung wahrhaft verwirklichen würden. Der Tod seiner Tochter brach dem Menschen Benjamin Linus abermals. Es immunisierte ihn gegen irgendwelchen weiteren Verluste, außer der weiterhin vorhanden Angst seine Macht und Stellvertreter-Herrschaft über die Insel abgeben zu müssen, die allerdings von einer rasenden Wut auf den vermeintlichen Verantwortlichen abgelöst wurde. „Lost“ führte nämlich eine weitere mysteriöse Figur ein, von denen die Zuschauer_innen nur erfuhren, dass er der wahre Herrscher über die Insel ist. Benjamin Linus sei lediglich ein Befehlsempfänger, eine Art weltlicher Herrscher der Insel, der sich sein eigenes kleines Pseudo-Paradies geschaffen hatte, in denen er Menschen nach seinen Düngen verwalten konnte, solange er den Befehlen folgte, die er von Richard Alpert, einem Menschen der nicht alterte, übermittelt bekam. Doch zu sehen bekam der weltliche Herrscher seinen Gott so lange nicht, bis er durch die dunkle Seite dazu gebracht wurde, ihn zu ermorden, was die helle Seite, in ihrer Allmächtigkeit freilich längst bedacht hatte.
Die vierte Staffel „Lost“ ist die schwächste Staffel der Serie. Denn die Zuschauer_innen sehen bereits im ersten „Flashforwards“ einige Überlebende, die wichtigsten Personen der Serie, deren Flucht von der Insel als die „Story“ der „Oceanic Six“ bekannt wird. „Lost“-Zuschauer_innen sahen die zeitgleichen Bemühungen, von der Insel zu entkommen. Das diese Flucht, zumindest für die Hauptfiguren glücken würde war also klar. Daher wurde Lost an dieser Stelle durchschaubarer und damit uninteressanter: Denn niemand will voraussehbares Fernsehen und „Lost“ stand, wie keine zweite Serie, für überraschende Wendungen und unvorhersehbare Überraschungen, die einen neuen Blick auf die Handlung ermöglichten und die der Serie verholfen haben, zu dem hervoragenden Produkt zu werden, das es letztendlich geworden ist. Mit der Einführung des Inselgottes Jakob, der zunächst nur in Andeutungen erwähnt wurde, bis er in der fünften Staffel ein Gesicht bekam, war auch klar, dass sich „Lost“ endgültig zu einem religiösen Produkt entwickeln könnte.

In diesen Folgen der vierten Staffel der Serie werden aber einige Figuren eingeführt, die das Leben der Serie belebt und bereichert haben. Da wären zuallererst Charlotte Lewis (Rebecca Mader) , Miles Straume (Ken Leung)und Frank Lapidus (Jeff Fahay), die mit dem Frachter auf die Insel kommen und kurz darauf die verständliche moralische Entscheidung treffen, an den Mordtaten der Söldner nicht teilhaben zu wollen. Sie laufen zu den Überlebenden des Flugs 815 über, was eine Handlungweise ist, die immer mal wieder in der Serie zu sehen ist.
Außerdem kam der Wissenschaftler Daniel Faraday (Jeremy Davies) auf die Insel, der immer kurz vor einer Art geistigen Zusammenbruch steht, aber die Welt mathematisch durchschauen kann. Daniel Faraday war für die Serie eine wichtige Figur, weil er den Handlungen der darauf folgenden Staffel einen wissenschaftlichen Hintergrund verleihen konnte, auch wenn er sich das Zeitreisenphänomen auch nicht so richtig erklären konnte.


Charlotte Lewis und Daniel Faraday wurden zu wichtigen Figuren der Serie: Sie verband eine große Liebe. Faraday, der die junge Charlotte bereits als Kind an einem Ort getroffen hatte, den sie und er bald verlassen mussten. Es war die Insel, auf der die beiden durch die Zeiten zusammenkamen. Auch hier entwickelte „Lost“ die typische epische Liebesgeschichte zwischen Mann und Frau, die zu unterschiedlichen Zeiten sterben, so dass die männliche Figur dazu verdammt ist, den Tod seiner großen Liebe zu sehen: Es war Charlotte Lewis die als erste dahin gerafft wurde, was sich durch episches Nasenbluten ankündigte.


Trotz dieses eher althergebrachten Dramas konnte die Geschichte zwischen den beiden Figuren unterhalten, zumindest für einige Folgen der vierten und fünften Staffel.
Außerdem ist in einigen Folgen dieser Staffel der Schauspieler Fisher Stevens in einer kleineren Rolle zu sehen. Der begnadete Schauspieler, der in Deutschland zum Beispiel durch die Serie „Allein gegen die Zukunft“ bekannt geworden ist, gibt in der „Lost“-Serie den Kommunikationsoffizier George Minkowski, der an den Folgen einer Expedition zur Insel einen grausamen Tod stirbt. Auch diese Geschichte im „Lost“-Universum ist einen Blick wert.
Unterhaltsam war aber auch der Hype, der sich rund um die Fernsehserie entwickelte und der von den Produzent_innen und dem Fernsehstudio „ABC“ tatkräftigt unterstützt wurde. Wie schon um „Star Trek“ oder „Akte X“ entwickelte sich eine Fankultur. Auf Fanconvention traten die Darsteller_innen vor hunderten von Menschen auf, die sich in der Kleidung, die in der Serie getragen wurde, zeigten. Selbstgemachte Trailer oder gar eigenes Lost-Material wurde auf den einschlägigen Internetseiten wie Youtube präsentiert. Tausende beteiligten sich an irgendwelchen Online-Spielen im Internet und natürlich gab es auch ein Computerspiel zu Serie. „Lost Via Domus“ nannte sich das Spiel, dass wahrscheinlich nur für fanatische Lost-Nerds von Interesse gewesen sein wird, genauso wie das Computerspiel zur Serie „Frauenknast“ nur für die Zuschauer_innen dieser Serie von Belang sein dürfte. Ein Computer-Spiel über eine Serie ist allerdings immer auch Ausdruck eines gewissen Erfolgs, den die Serie den Zuschauer_innen zu verdanken hat. „Lost“ war für viele Zuschauer_innen über die Jahre von einer unten vielen Serien, zu der Serie der Serien geworden.

Timetunnel.
In der fünften Staffel der Serie befanden die Produzent_innen und Autor_innen, dass der Serie eine Art neues Make-Up verpasst werden müsste. Der „Disney“-Konzern, dem der amerikanische Fernsehsender „ABC“ gehört, hatte sich dafür entschieden, die Serie nach der sechsten Staffel einzustellen und mit einem großen Finale zu beenden. Die Einschaltquoten sanken und die Zuschauer_innen sollten weiterhin bei der Fernsehserie gehalten werden, weil es Quereinsteiger_innen fast unmöglich war, die komplexen Handlungsverläufe nachzuvollziehen. Die Autor_innen entschieden sich für die Flucht nach vorn. Damon Lindeloff und Carlton Cuse, die Hauptautoren und Produzenten der Serie, zeigten sich noch einmal von ihrer mutigen Seite und brachen ein weiteres Mal mit den gewohnten Bildern, in dem sie einige Protagonist_innen in die Vergangenheit schickten: Miles Straume, „Sawyer“ und Daniel Faraday switchten durch verschiedene Zeiten um letztendlich in den 70′er Jahren des letzten Jahrhunderts zu landen. Die Zeitreisen wurden durch ein mysteriöses Rad erklärt, dass an eine geheimnisvolle Materie gekoppelt war und gedreht werden konnte, was unter anderem wieder einmal John Locke übernahm, der sich – wie so oft – dafür bestimmt hielt. Die „Oceanic Six“ kehren ebenfalls zurück und werden, welch Zufall, zumindest zum Teil, ebenfalls in die 70′er Jahre des letzten Jahrhunderts verfrachtet.

In den 70′er Jahren wurden die Überlebenden dann Mitglieder der „Dharma Iniative“ auf deren Überreste die Überlebenden bereits in den vorherigen Staffeln gestoßen war und um die sich allerhand Mysterien rankten. Es war nämlich eine Initiative wie sie Verschwörungstheoretiker_innen gefallen durfte: Sie agierte mehr oder weniger im geheimen, besaß mächtige Hintermänner und verfügte über ein Firmengeflecht, mit dem sie auf die weltweiten Geschehnisse beeinflussen und die mächtige Insel zumindest teilweise unter ihre Kontrolle bringen konnten. Die nach außen eher harmlos wirkende Initiative war allerdings schwer bewaffnet, bei den Gruppentreffen wurde auch schon mal die Exekution vermeintlicher oder tatsächlicher Verräter beschlossen.
Die geheimnisvolle Station, die die Überlebenden in der zweiten Staffel entdeckten, war von den Mitgliedern der „Dharma Initiative“ betrieben worden, ebenso wie viele andere Orte und Stationen der Insel von dieser Hippie-Wissenschafts-Initiative bevölkert wurden. Auch Benjamin Linus war ein Mitglied der „Dharma Initiative“. Als unteres Mitglied dieser Gesellschaft, deren hierarchische Gliederung einen sozialen Aufstieg verunmöglichte, griff Benjamin Linus mit einigen Gefährten zu einem Mittel, das ihm angemessen erschien. Er praktizierte einen Massenmord, als er die Mitglieder der „Dharma Initiative“, darunter auch seinen trinkenden, sadistischen Vater ermordete um die Macht – im Namen des geheimnisvollen Jakobs und der „Anderen“ – zu übernehmen.
Nun waren einige Hauptfiguren in den 70′er Jahren gestrandet und wussten das Benjamin Linus, zu diesem Zeitpunkt noch ein kleines Kind, in ferner Zukunft einen Genozid begehen würde. Es war der Folterer Sayid, der sich dazu entschied, den späteren Massenmord durch einen gezielten Schuss in das Herz des Kindes zu verhindern. Doch Benjamin Linus wurde lediglich schwer verletzt, von den „Anderen“ verarztet und dadurch in deren Arme getrieben, auch wenn Benjamin – um den Schein zu erhalten – in die Gesellschaft der „Dharma Initiative“ zurückkehrte. Es war der versuchte Mord, der aus dem Opfer einen Mörder ohne Skrupel machte. Doch diese Auswirkungen seines Handelns waren Sayid Jerrah sicherlich nicht bewusst. Ebenso ging es dem Wissenschaftler Daniel Faraday, der ebenfalls durch die Zeit switchte und auf eine junge Charlotte Lewis traf, die er um bedingt davon abhalten wollte, zurück zur Insel zu kehren, wo sie nur der Tod erwartete. Dabei leistete er ihrem Wunsch nach einer späteren Rückkehr auf die Insel durch seinen rasanten und bedrohlichen Auftritt eher Vorschub. Durch die Handlungen der Protagonist_innen der Serie „Lost“ in der Vergangenheit wurde in der Gegenwart zu dem, was sie ist und was die Zuschauer_innen in den vorherigen Staffeln erleben durften. Es ist unter anderem diese Komplexität, die „Lost“ zu diesem faszinierenden Stück Fernsehen gemacht hat.

In dieser Staffel gelang es, durch die Zeitreisen, die Auseinandersetzung zwischen den Einheimischen und „Anderen“ in ein neues Licht zu rücken. Waren es in der ersten Staffel die Überlebenden, die hoch gerüsteten „Anderen“ gegenüberstanden, waren es in der fünften Staffel die hoch gerüsteten Bewohner_innen der „Dharma Initiative“, die diese „Anderen“ mit ihren Mitteln bekämpfte, bis sie durch inneren Verrat vernichtet wurden: Die bereits erwähnten Zeitreisen werden lediglich durch die Zahlen und Formeln des Wissenschaftlers verklärt, der aber oftmals selbst nicht zu wissen scheint, was ihm gerade passiert. Die Zuschauer_innen sehen zwar, wie das magische Rad gedreht wird, dass die Insel von einem Ort an einen anderem Ort im riesigen Ozean versetzen kann. Schuld daran ist das „Licht“, das die Zuschauer_innen zwar sehen, aber nicht vermittelt bekommen.
Dafür gibt es ein Wiedersehen mit Professor Chang, der zudem auch noch der Vater der Hauptfigur Miles Straume ist, der die Insel ebenfalls als Kind verlassen musste. Professor Chang kannten die Zuschauer_innen aus den vorherigen Staffeln. Er war die Hauptfigur vieler Dharma Schulungsvideos, die in den geheimnisvollen Stationen der Insel hinterlassen wurden. Nun durften die Zuschauer_innen an der Produktion der Videos teilhaben, die die Zuschauer_innen einige Jahre zuvor und die Überlebenden etwa 35 Jahre später beschäftigt hatte. Professor Chang war ebenfalls in einigen Videos zu sehen, die von den Produzent_innen für die Internetvideoportale erstellt wurden, um den Hype um die Serie zu befeuern und eine kostenlose Werbeplattform zu nutzen. Diese kurzen Clips wurden den begeisterten Zuschauer_innen auf den Conventions präsentiert, als eine Art Appetizer, die Raum für neue Spekulationen bieten sollten. Leider wurden diese kurzen Clips nicht in die normale Fernsehhandlung eingebunden. So wurde also Material produziert, dass letztendlich nicht in die Handlung passt. Warum Damon Lindeloff und die anderen Autor_innen nicht mehr Mühe verwendeten ist klar. „Lost“ war kein Liebes-Produkt, sondern für den kapitalistischen Markt gefertigt worden, was dazu führte, dass die absolute Gefahr bestand, dass die Autor_innen sich in den zahlreichen Mysterien verrennen würden und keine Fragen mehr beantworten könnten, weil sie zuviele Widersprüche geschaffen hätten. Dann wäre der angebliche rote Faden, der die Serie zusammenhalten würde, doch nicht in den Köpfen der Autor_innen vorhanden gewesen, auch wenn diese es immer wieder großspurig behaupteten. Die großartige Serie „Akte X“ hatte genau dieses Problem und ist bis heute unvollendet geblieben, die Geschichte wurde in keiner Weise zu einem Ende gebracht. Auch „Lost“ drohte, am Ende der fünften Staffel genau solch ein unrühmliches Ende, das – im Fall der Serie „Akte X“ - viele Zuschauer_innen bis heute erzürnt.
Doch im Finale kommen die Held_innen der epischen Erzählung auf die Idee, die Geschichte zu verändern, obwohl bereits andere Geschichten bewiesen haben, dass dies den Protoganost_innen nicht möglich ist: „What happend, happend“. Der Unfall, der dazu führte, dass die riesige Menge Energie, das „Licht“, freigesetzt wurde, soll durch eine Atombombe verhindert werden. Die Held_innen der Geschichte haben die Autombombe bei einem Zeitsprung in die 50′er Jahre des letzten Jahrhunderts verbudelt, weil sie von der US-Army leck zurückgelassen wurde und die „Anderen“ bedrohte. Die Existenz der „Anderen“ ist nämlich eine Konstante auf der Insel, die Zuschauer_innen und Held_innen auf ihren Reisen durch die Jahrzehnte erleben dürfen. Stets werden sie dabei von Neuankömmlingen als „Bedrohung“ wahrgenommen und – wie so oft – trügt der Schein. Denn es ist höchst wahrscheinlich, dass es Jack und die anderen Held_innen des Epos sind, die durch ihren unkonventionellen Einsatz der Atombombe, erst der eigentliche Auslöser des Unfalls sind, der dazu führt das eine Station errichtet wird, in der ein Mensch namens Desmond Hume, an einem verhängnisvollen Tag die Kombination zu spät in den Computer hackte, was zum Absturz und zur anschließenden Zeitreise der „Überlebenden“ führt. Ein Kreis wurde auf wundervolle Art und Weise geschlossen.

Im Übrigen gehört die Explosion der Atom-Bombe zu einem der unrealistischen Ereignisse der Fernsehgeschichte. Noch in den 50′er Jahren besteht die Gefahr durch die radioaktive Strahlung der nicht gezündeten Atombombe verstrahlt zu werden, in den 70′er Jahren explodiert die Bombe in der direkten Nähe der Held_innen, die nicht etwa umkommen, sondern durch die Zeit reisen, in der es keine Folgeschäden durch die Bombe gibt. „Lost“ ist an dieser Stelle wie ein guter, phantasievoller Comic: Auf der Insel funktionieren die Dinge ein bisschen anders, als in unserer Realität: Das ist die Hauptaussage dieser rasanten fünften Staffel, die einen Tunnel durch die Zeit, einen Blick in die Geschichte der Insel eröffnet. Im Finale gab es allerdings auch einen ersten Blick auf Jakob und seinen Gegenspieler, eine Art dunkle Seite der Macht. Apropos dunkle Seite der Macht. Die Autor_innen haben sich ein ums andere Mal von der Mythologie der Science-Fiction-Filme „Star Wars“ inspirieren lassen. Das führt sogar so weit, dass einer der Darsteller, Hugo Reyes, in den 70′er Jahren ein Drehbuch anfertigt, mit dem er die gröbsten Dummheiten aus „Star Wars II: The Empire strikes back“ beseitigen wollte.


Das Ende.

Achtung. Spoiler.


Das Jahr 2010 sollte auch das Jahr des Endes der Fernsehserie „Lost“ sein, so hatten es die Produzent_innen versprochen. Nun also endlich ein richtiges Finale, keine ominöse Werbefälschung, auf die ich Anfang der ersten Staffel hineingefallen war, sondern ein absolutes Ende. Doch zuvor begeisterte die Serie durch eine besonders eindrucksvolle Folge: In „Ab Aeterno“ sahen die Zuschauer_innen die Leiden des nicht alternden Richard Alpert, der vor hunderten von Jahren seine große Liebe verlor und auf der Insel strandete. Dort begegnet er dem Rauchmonster, dass – so erfahren es die staunenden Zuschauer_innen in dieser Staffel – ebenfalls die Gestalt von Toten annehmen kann und die dunkle Seite symbolisieren würde. So ganz kann ich mich der Erklärung nicht verschließen, dass die Autor_innen, als sie „Smokey“ einführten, noch gar keine Erklärung hatten und nun – in der finalen Staffel – nach dem erstbesten Strohalm griffen, der ihnen einfiel.
Letztendlich ist also das ganze Lost-Insel nur eine kleine Universum, in der „Gut“ und „Böse“ einen ewigen Kampf ausfechten. Sollte das „Böse“ siegen, dass heißt das Rauchmonster entgültig die Oberhand gewinnen, bricht die Nacht herein und das „Licht“, dass beschützt werden müsse, würde erlöschen. Schwarz gegen Weiß. Gut gegen Böse: Das ist die Essenz der sechsten Staffel. Die Grenzen sind in dieser Staffel wieder klar zu erkennen. Ein Grau ist hier in keiner Weise mehr vorhanden, wenn auch Benjamin Linus in einigen Szenen diesen Eindruck erweckte.
Dafür wird auf die Tränendrüse gedrückt. Gegen Ende der letzten Staffel sterben unsere Held_innen wie die Fliegen und das ist für einen Lost-Fan wahnsinnig traurig. Da kullern die Tränen, wenn mensch sich von den lieb gewonnenen Held_innen verabschieden muss, die sechs Jahre lang begleitet wurden und nun einen viel zu frühen Tod sterben.
Zeitgleich bekommen die Zuschauer_innen „Flash Sideways“ präsentiert; doch diese Handlungsebene ist eigentlich vollkommen irrelevant: Es handelt sich um eine ferne Welt zwischen Erde und Himmel, in der die Held_innen einige Zeit zusammenleben um gemeinsam fortzuziehen. Immerhin können auf diese Art und Weise einige Charaktere erneut auftauchen, die in der Realität bereits lange Tod sind.
Während dessen wird auf der Insel dafür gesorgt, dass die dunkle Seite der Macht, „Smokey“, keine Gefahr mehr darstellt und Jakob findet seinen endgültigen Nachfolger, während einige Überlebende es tatsächlich in die Freiheit schaffen. Dabei wird ein grandioses stilistisches Mittel aus der allerersten Folge verwendet und zumindest auf diese Art und Weise der erzählerische Kreis geschlossen. Das ist mehr, als bei vielen anderen Serien, gerade aus dem Mystery-Bereich. Doch das „Lost“-Finale bietet kein abschließendes, alles erklärendes Ende. Viele Fragen bleiben offen.


Die Produzent_innen und Autor_innen haben sich auf diese Art und Weise ein „Schlupfloch“ geschaffen. Theoretisch ist es ohne große Schwierigkeiten möglich, einen Kinofilm oder ein Spin-Off zu produzieren. Die Zuschauer_innen könnten mit der Ankündigung, dass diesmal alle Fragen geklärt werden, vor die Bildschirme und Leinwände gelockt werden. Leider haben die Produzent_innen ein absolutes Ende ankündigt und das leider nicht umgesetzt. Einer endlosen Geschichte a la „Star Trek“ steht also nichts mehr im Wege. Ich hoffe dann doch sehr, auf „Lost – The Movie“ , Teil Eins bis Zehn.
Aber auch mit diesem eventuell doch eher vorläufigen Ende ist „Lost“ eine der besten Fernsehserien, die jemals über die Fernsehschirme flimmerte. Wer sich die Zeit für die 121 Folgen nimmt, wird durch eine Serie belohnt, die im besten Sinne unterhält und das ist nur wenigen Serien gelungen. Zudem ist „Lost“ ein Stoff mit dem sich weiterhin Geld verdienen läßt: Bitte! Liebe „Disney“-Entscheidungsträger, bitte Damon Lindeloff und Carlton Cuse: Produziert ganz schnell ein Spin-Off.
„Lost“ – du wirst mir fehlen. Ich werde dich und die Insel niemals vergessen können und mit Nostalgie an die wunderschöne Zeit denken, die du ermöglicht hast. An die vielen Fernsehabende, an denen ich dich – geliebte Serie – erleben durfte. Der Abschied fällt schwer, aber zum Glück gibt es dich auf DVD zu kaufen!