„Nicht nur in den Bauernhäusern, sondern auch in den Wolkenkratzern der Städte lebt neben dem zwanzigsten Jahrhundert heute noch das zehnte oder dreizehnte. Hunderte Millionen Menschen benutzen den elektrischen Strom, ohne aufzuhören, an die magische Kraft von Gesten und Beschwörungen zu glauben. Der römische Papst predigt durchs Radio vom Wunder der Verwandlung des Wassers in Wein. Kinostars laufen zur Wahrsagerin. Flugzeugführer, die wunderbare, vom Genie des Menschen erschaffene Mechanismen lenken, tragen unter dem Sweater Amulette. Was für unerschöpfliche Vorräte an Finsternis, Unwissenheit, Wildheit! Die Verzweiflung hat sie auf die Beine gebracht, der Faschismus wies ihnen die Richtung. All das, was bei ungehinderter Entwicklung der Gesellschaft vom nationalen Organismus als Kulturexkrement ausgeschieden werden mußte, kommt jetzt durch den Schlund hoch; die kapitalistische Zivilisation erbricht die unverdaute Barbarei. Das ist die Physiologie des Nationalsozialismus.“ Leo Trotzki (1933).
Wenn die Dorfjugend am Wochenende ein bischen Feierei möchte, hat sie die Wahl der Qual. Entweder in die mäßig bevölkerte Innenstadt, um zu Mainstream-Beats und den aktuellsten Charthits den vollständigen Absturz zu erleben, in das regionale autonome Zentrum oder in die benachbarte Großstadt, um dort das selbe Programm zu gestalten. Denn auch dort läuft vor allem Mainstream-Mucke; vor allem aber alternativ-elektronisch angehaucht….
Von der medialen Aufmersamkeit um den ehemaligen SPD-Finanzsenator Thilo Sarrazin versuchen verschiedene Gruppen zu profitieren. Es sind nicht nur die Nazis von der „Nationaldemokratischen Partei Deutschland“oder die Rassisten von den „Republikanern“, die Sarrazin als Werbeträger benutzen, sondern auch die Internetseite „PI-News“, um die sich verschiedene „Stammtische“ gruppieren, die in einigen Großstädten der Bundesrepublik gegründet wurden. Die Stammtisch-Freaks aus München haben eine Interview-Reihe über Sarrazin produziert, von der der fünfte Teil in verschiedenen Blogs als eine Art Beweis für die Dummheit dieser Gruppierung genutzt wird. „Sarrazin Fan wird von Teenager vorgeführt“heißt es dort. Zu sehen sind dort der PI-Autor Michael Stürzenberger, ehemaliger Pressesprecher der CSU München und irgendwelche Schüler_innen, die sich – lautstark – über den Fan erregen.
Dabei geht der viel interessantere erste Teil des Videos unter, der nicht so gefeiert wird, wie der fünfte Teil in vielen Blogs. In diesem ersten Teil sind Interviews mit denjenigen zu sehen, die sich für Sarrazin begeistern. Der „PI-News“-Moderator Stürzenberger und die Sarrazin-Groupies sind also unter ihresgleichen. Unter Stammtisch-Brüdern, sagt ein Deutscher dann auch Dinge, die immer besonders bedrohlich erscheinen: „Wir müssen auch die Probleme, die die Juden uns, oder die Israelis besser gesagt, im Gaza-Streifen bereiten, offen ansprechen können“ (1:00) zum Beispiel, bevor zur Sarrazin-Huldigung übergegangen wird. „Sein Buch trifft die Meinung auf den Punkt“, behauptet der Fan. „Er hat ein privates Buch“ geschrieben, sekundiert ein anderer Sarrazin-Groupie, der im Buch vom Deutschland, das sich angeblich abschaffen würde, wohl eine Art privates Tagebuch a la Sarrazin sieht.
In diesen Interviews geht es aber auch um Migrant_innen und ihren angeblichen oder tatsächlichen Glauben; doch mit einer Kritik an religiösen Systemen hat das nicht das geringste zu tun. Ebensoweit davon entfernt, sind allerdings auch die interviewten Sarrazin-Gegner_innen, denen die Argumente ausgehen, weil sie oftmals mit ganz ähnlichen rassistischen Angstphantasien vor dem „Fremden“ ausgestattet sind, wie die anderen Deutschen, die sich auf Sarrazins Seite geschlagen haben. Eine berechtigte Kritik an irrationalen Glaubensystemen, an Unterdrückung durch Religion, wird von beiden Seiten nicht formuliert. Stattdessen warnt der Sarrazin-Jünger, ein bayrischer Deutscher, davor „nach Berlin“ zu gehen, weil dort „Verhältnisse“ herrschen, „die kann man als Deutscher (…) nicht gut heißen“ kann (2:38).
Beschaulich ist es derweil in München, wo ein Sarrazin-Fan „die Juden“ belehren will. Ein anderer Sarrazin-Groupie in Lederhosen rät unterdessen zu einer anderen Taktik: „Vielleicht hätte er aus taktischen Gründen, die Geschichte mit dem jüdischen Gen sein lassen sollen“ (7:00). Diese und andere Dummheiten der Sarrazin-Fans sowie die inhaltliche Sprachlosigkeit der Gegner_innen, gibt es hier zu bestaunen:
Einen „Trauermarsch um die Meinungsfreiheit zur Deutschen Bundesbank“ möchte Mirko Welsch am 09.09.2010 in Frankfurt am Main veranstalten. Er ist Mitinitiator einer „Sarrazin-Bewegung“, die eine angebliche Einschränkung der Meinungsfreiheit beklagt, sich mit Thilo Sarrazin solidarisiert und Migrant_innen dazu auffordert, dass sie „sich anpassen“ müssen. „Wer hier leben will hat die Pflicht sich einzubinden oder ein One-Way-Ticket muss erfolgen“, schreibt der „Organisationsberater“ des „Trauermarsches“, Mirko Welsch, der Sarrazins Thesen durch seine Beobachtungen in „Burbach oder im unteren Malstatt in Saarbrücken“ bestätigt sieht. Der Aufmarsch wird unterdessen von mehreren rassistischen Internetseiten, wie zum Beispiel „Pi-News“ und „Gesamtrechts“unterstützt.
Mirko Welsch nutzt derweil unter anderem die Internetplattform „Facebook“, um für seinen Marsch zu werben. Dort hetzt Welsch gegen Michel Friedman, der Sarrazins Thesen kritisiert hatte und rät diesem „sich mehr mit seinen Nutten- und Koksparties“ zu „beschäftigen“. Die antisemitische Einstellung des selbsternannten „Freiheitlichen“ wird deutlich, als er vermutet, dass „Friedmann aufgrund seiner religiösen Zugehörigkeit einen Freibrief“ hätte (Screenshot).
Derartiges propagiert Welsch nicht nur in seinem „Facebook“-Profil, sondern auch mit seiner „Vereinigung von rechtsliberalen Mitbürgern (Die Patrioten)“. Als deren Sprecher fungiert Welsch, wenn er nicht für seine „Sarrazin-Bewegung“ wirbt. Als Sprecher dieser obskuren Vereinigung veröffentlicht Welsch noch obskurere Pressemitteilungen, in denen dem Zentralrat der Juden unterstellt wird, er hätte „die Nazikeule reaktiviert“. Dem Zentralrat unterstellt er außerdem auch noch ein Denken, wie es zur es zur Zeit des Nationalsozialismus vorherrschend gewesen wäre. Außerdem wird die „Opferorganisation“ mit „NPD und Co“ verglichen. Welsch im O-Ton:
„Dieses Denken hatten wir aber bis 20 Jahren im Osten und vor 65 Jahren im Westen und so sollte eine Opferorganisation nicht agieren, wenn diese sich von NPD und Co. berechtigerweise abheben will.“
Es bleibt abzuwarten, ob Mirko Welsch seine Thesen über den „Zentralrat der Juden“ und Michel Friedman, auch auf dem Aufmarsch für Sarrazin propagieren wird.
Wenn in Deutschland ein traditionelles „Volksfest“ begangen wird, kann das wie in den Videos aussehen, die unter anderem mit „Sieg – Heil“ – Rufen enden. Es ist ein ganz normaler Abend auf dem „Barthelmarkt“ in Manching-Oberstimm, einer kleinen Gemeinde, in direkter Nähe zur deutschen Provinzstadt Ingoldstadt gelegen. Nach dem die Volksmusikanten, die sich ganz modern „Alley Cat’s“ nennen einschlägige deutsche Partykracher zum besten gegeben haben, endet das Lied von der „Gemütlichkeit“ im kollektiven Rumgegröle. Fleißig gibt der Sänger Party-Parolen zum Besten: „Zicke Zacke! Zicke Zacke!“ brüllt der Volksmusikant. „Hoi, Hoi, Hoi“ grölt die Menge.
Gruselig genug. Es ist eine Halle, in der sich feiernde Deutsche, bei Bier und Gesang, zusammengefunden haben und wie es sie viele gibt, in diesem dunklen, kalten Deutschland. In diesem speziellen Fall wird eines der „ältesten Volksfesten in Bayern, wenn es nicht gar das älteste überhaupt“ begangen. Hier endet das gruselige Party-Parolen-Rufen wie zwischen 1933 und 1945. Ganz am Ende des folgenden Videos (0:33) gibt der Sänger der „Alley Cat’s“ den SS-Mann und intoniert ein „Sieg“. Die Menge antwortet tatsächlich mit einem lautstarken „Heil“, während einige den „Hitler-Gruß“ zeigen. … den ganzen Text und das Video gibt es im neuen Reflexion-Weblog: KLICK!
Vielleicht kennen die geneigten Leser_innen dieses Artikels die „South Park“Folge, in der sich herausstellt, dass die Verschwörungstheoretiker_innen des 11. Septembers 2001 in Wirklichkeit von der amerikanischen Regierung gesteuert werden, um mit der Angst Politik zu machen.Eine ähnliche Theorie formulierte der Verschwörungsideologe Paul Joseph Watson…
In der aktuellen Ausgabe der anthroposophischen Monatszeitschrift „Erziehungskunst“, einem Werbeblatt rund um die Waldorfschulen, geht es um die angeblichen Gefahren des Fernsehens für neugeborene Babys, anthroposophische Erlebnispädagogik und um das „Böse“.
In einem Interview mit Wilfried Jaensch, der am „Seminar für Waldorfpädagogik“ in Berlin Waldorflehrerinnen und Lehrer ausbildet, geht es unter anderem um die deutsche Geschichte, um die Rote Armee Fraktion und um die selbstgestellte Frage, „könnte ich Menschen ins Gas schicken?“ Das ist eine Frage, die sich Jaensch in seinen „inneren Monologen“ stellt, wenn er sich mit einem seiner Themen beschäftigt, das im Interview „das Dritte Reich“ genannt wird.
Die Aufregung, rund um das neue Buch des Deutschen-Bank Aufsichtsratmitglied Thilo Sarrazin, ließ sich nicht nur auf der Pressekonferenz erkennen, bei der der ehemalige Berliner Finanzsenator sein neuestes Machwerk vorstellte, sondern auch in der ARD-Talkshow „Beckmann“, die am Montag-Abend zur besten Sendezeit über die Bildschirme flimmerte. Bereits das Vorstellungsvideo der Sendung, in dem unter anderem Sarrazins Kampf gegen ein zu üppiges Essen für Hartz-4 Empfänger_innen gezeigt wurde, war eigentlich eine Farce: Da wurden Bilder von Migrant_innen gezeigt, unterlegt durch Beckmanns-Stimme, der Sarrazins Reden von „Kopftuchmädchen“ und „Importbräuten“ rezitierte. Die Szenen und der Zusammenschnitt erinnerten eher an eine Wahlwerbung der „Republikaner“, denn an eine seriöse Fernsehsendung.