Von der medialen Aufmersamkeit um den ehemaligen SPD-Finanzsenator Thilo Sarrazin versuchen verschiedene Gruppen zu profitieren. Es sind nicht nur die Nazis von der „Nationaldemokratischen Partei Deutschland“ oder die Rassisten von den „Republikanern“, die Sarrazin als Werbeträger benutzen, sondern auch die Internetseite „PI-News“, um die sich verschiedene „Stammtische“ gruppieren, die in einigen Großstädten der Bundesrepublik gegründet wurden. Die Stammtisch-Freaks aus München haben eine Interview-Reihe über Sarrazin produziert, von der der fünfte Teil in verschiedenen Blogs als eine Art Beweis für die Dummheit dieser Gruppierung genutzt wird. „Sarrazin Fan wird von Teenager vorgeführt“ heißt es dort. Zu sehen sind dort der PI-Autor Michael Stürzenberger, ehemaliger Pressesprecher der CSU München und irgendwelche Schüler_innen, die sich – lautstark – über den Fan erregen.
Dabei geht der viel interessantere erste Teil des Videos unter, der nicht so gefeiert wird, wie der fünfte Teil in vielen Blogs. In diesem ersten Teil sind Interviews mit denjenigen zu sehen, die sich für Sarrazin begeistern. Der „PI-News“-Moderator Stürzenberger und die Sarrazin-Groupies sind also unter ihresgleichen. Unter Stammtisch-Brüdern, sagt ein Deutscher dann auch Dinge, die immer besonders bedrohlich erscheinen: „Wir müssen auch die Probleme, die die Juden uns, oder die Israelis besser gesagt, im Gaza-Streifen bereiten, offen ansprechen können“ (1:00) zum Beispiel, bevor zur Sarrazin-Huldigung übergegangen wird. „Sein Buch trifft die Meinung auf den Punkt“, behauptet der Fan. „Er hat ein privates Buch“ geschrieben, sekundiert ein anderer Sarrazin-Groupie, der im Buch vom Deutschland, das sich angeblich abschaffen würde, wohl eine Art privates Tagebuch a la Sarrazin sieht.
In diesen Interviews geht es aber auch um Migrant_innen und ihren angeblichen oder tatsächlichen Glauben; doch mit einer Kritik an religiösen Systemen hat das nicht das geringste zu tun. Ebensoweit davon entfernt, sind allerdings auch die interviewten Sarrazin-Gegner_innen, denen die Argumente ausgehen, weil sie oftmals mit ganz ähnlichen rassistischen Angstphantasien vor dem „Fremden“ ausgestattet sind, wie die anderen Deutschen, die sich auf Sarrazins Seite geschlagen haben. Eine berechtigte Kritik an irrationalen Glaubensystemen, an Unterdrückung durch Religion, wird von beiden Seiten nicht formuliert. Stattdessen warnt der Sarrazin-Jünger, ein bayrischer Deutscher, davor „nach Berlin“ zu gehen, weil dort „Verhältnisse“ herrschen, „die kann man als Deutscher (…) nicht gut heißen“ kann (2:38).
Beschaulich ist es derweil in München, wo ein Sarrazin-Fan „die Juden“ belehren will. Ein anderer Sarrazin-Groupie in Lederhosen rät unterdessen zu einer anderen Taktik: „Vielleicht hätte er aus taktischen Gründen, die Geschichte mit dem jüdischen Gen sein lassen sollen“ (7:00). Diese und andere Dummheiten der Sarrazin-Fans sowie die inhaltliche Sprachlosigkeit der Gegner_innen, gibt es hier zu bestaunen:
Die rechtspopulistische Bahamas hängt sich ebenfalls an den Zug und macht eine Veranstaltung unter dem Motto: „Bringt uns den Kopf von Thilo Sarrazin!“ in München und Berlin, die Sarrazin „dort, wo er recht hat“, nämlich bei seiner rassistischen „Islamkritik“, gegen Anwürfe aus dem linken und linksliberalen Spektrum verteidigt.
Rechtspopulistisch? Ist die Bahamas für dich also sowas Pro NRW?! Irgendwie kann ich dieser Einordnung nicht folgen…
Besseres Vergleichsobjekt als Pro NRW wäre PI, schließlich hat die Bahamas für ihren Kampf gegen „Islamisierung“ einen anderen Weg gewählt als den als Partei über die Parlamente. Und zwischen PI und Bahamas gibt es nunmal keine nennenswerten inhaltlichen Unterschiede. Was es gibt, sind marginale, den verschiedenen Zielgruppen geschuldetete Unterschiede in der Ausdrucksweise. Während PI die geistige Unterschicht bedient, richtet sich die Bahamas eher an ein studentisches Milieu. Den gleichen Inhalt verkaufen beide. Siehe dazu z.B. den Eindladungstext zur Wertmüller-Veranstaltung über Sarrazin. Vor Ort wird er wahrscheinlich noch etwas deutlicher werden. Aber im Aufruf ist schon fast der ganze PI-Mist zu Sarrazin zu finden: Er hat inhaltlich Recht; Islamisierung ist die wichtigste Bedrohung unserer Zeit und muss mit allen Mitteln bekämpft werden; die linke Diktatur unterdrückt die Meinungsfreiheit von Sarrazin; Antifa sind die SA-Horden der Bundesregierung; Multikulti-Ideologie und Gender Studies gehören bekämpft; Juden sind intelligenter, Moslems dümmer, usw.
Die „Kritik“ an Sarrazin beschränkt sich dann schon wie bei Wertmüllers letztem Text darauf, kulturalistischem über biologischen Rassismus den Vorzug zu geben.
Also ich finde die Bahamas persönlich schlimmer. Implizite Aufforderungen zum Abfackeln von Moscheen, explizite Aufrufe zur „Bombardierung islamischer Zentren“ und die Verteidigung von Oriana Fallaci für ihre Drohung gegenüber der Polizei, die Zelte schwarzafrikanischer Flüchtlinge anzuzünden – da muss Pro NRW erst mal mithalten!
@rhizom: Da hast du auch wieder recht. Das könnte aber daran liegen, dass Pro NRW sich wegen dem rechten Image und größerem Bekanntheitsgrad mit expliziten rassistischen Mordaufrufen aus taktischen Gründen eher zurückhält. Islamische Zentren bombardieren und Flüchtlinge verbrennen ist den rechten Islamkritikern sicher ebenfalls sympathisch. In den PI-Kommentaren gibts ja immer wieder Statements in die Richtung (wenn auch nicht so offen wie bei Fallaci/Bahamas).
In München hat die Wertmüller-Veranstaltung den Titel „Der Sarrazin-Komplex“. Bin gespannt, ob PI auch wieder dahin mobilisiert, wie bei der Bahamas-Demo in Berlin.
Ich denke, man darf das jetzt auch nicht überschätzen. Die Bahamas ist in der Linken mittlerweile, gottseidank, bedeutungslos. Sie hat aber historisch als Rammbock gedient, um die Linke rassismusreif zu schießen.
Bisher habe ich nur die folgende Veranstaltung entdeckt, die von der Gruppe Monaco – Verein freier Menschen organisiert wird: „Der Sarrazin-Komplex: Warum Sarrazins Kritiker im Unrecht und seine Thesen trotzdem verkehrt sind“. Ankündigungen gibt es auf deren Website und auf diversen Blogs (auch im ursprünglichen Text verlinkt). Vielleicht meinst du diese Veranstaltung, die allerdings nicht auf den Namen hört, den du benannt hast.
Ich finde es schlimm, wie du die gefährlichen Rechtspopulisten von „Pro NRW“ mit einem Vergleich mit einer Zeitschrift, die mensch nicht mögen muss, verharmlost.Vor der „Bahamas“ hat es natürlich kein bischen Rassismus in der deutschen Linken gegeben. Den Nationalismus der K-Gruppen, die von einem wiedervereinigten Deutschland träumten, die Ostgebiete eingliedern wollten hab ich mir wahrscheinlich auch nur eingebildet. Für eine Linke, die sich rassistisch äußert, braucht es doch keine Bahamas. Oder ist Oskar Lafontaine doch deren heimlicher Chefredakteur ?!
Ich denke, dass rhizom mit seiner schon häufiger vertretenen Einschätzung über die aktuelle Bedeutung der Bahamas (leider) daneben liegt. Deren Rolle als Stichwortgeber in Sachen Feindbildpflege z.B. bei der Identifikation derjenigen, die zum Abschuss frei gegeben werden, ist doch ungebrochen, zumindest im antideutschen bzw. israelsolidarischen Millieu. Richtig ist freilich, dass zu den von ihnen anberaumten Events nicht mehr so viele Schäfchen antreten wie früher, was man z.B. bei der Demo am 12. Juni in Berlin gemerkt hat.
Eine Gelegenheit, die obige Einschätzung zu überprüfen, wird sich vermutlich im Oktober in Berlin und dann in anderen Städten bieten. Da präsentiert nämlich Moshe Zuckermann sein Buch: „Antisemit!“. Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument. Angesichts des Themas und der Person des Autors könnten das zweifellos turbulente Veranstaltungen werden. Wertmüllers Äusserungen zum „Landesverräter Moshe Zuckermann, eines israelisch-jüdischen professionellen Israelhassers und Freundes aller Deutschen, der mit all denen paktiert, die den Staat Israel vernichten wollen“, gefallen im Rahmen seines Müchner Vortrags „Warum es um Israel geht“, stehen ja im Raum und sind durchaus ernst zu nehmen.
Gibt es da „Feindbilder zum Ausschneiden“ oder gar eine monatlich aktualisierte Liste derjenigen, „die zum Abschuss“ frei gegeben wurden? Doch wohl eher nicht…
Für was hältst du denn das o.a. Wertmüller-Zitat zu Zuckermann? Man muss da aber gar nicht weiter spekulieren, sondern kann ja mal abwarten, was bei einer evtl. Präsentationstour auf den Webseiten und Blogs der üblichen Verdächtigen so zu lesen sein wird.
Diese Münchener Ultradeutschen – derartiger Schwachsinn kann wohl nur aus Bayern kommen – haben sich mit dieser Apologie der „Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation“ (Kapital I) als linker Flügel des Sarrazin-Mobs entlarvt: „Man will und kann nicht begreifen, dass gerade im Spätkapitalismus die Lohnarbeit einen emanzipatorischen Charakter annehmen kann, insofern sie dem Einzelnen die Möglichkeit verschafft, sein Leben jenseits von patriarchaler und staatlicher Bevormundung zu leben. Dass ein Arbeitsplatz, an dem man zur Akkumulation von Mehrwert beitragen kann, eben nicht nur Ausbeutung und Herrschaft bedeutet,…“ (hXXp://monacoverein.wordpress.com/2010/09/16/der-sarrazin-komplex/)
Das Verhältnis zwischen Bahamas und antideutscher Szene rein als das zwischen Führer und Gefolgschaft zu interpretieren ist wohl unterkomplex analysiert. Die Bahamas spielt(e) in der Linken die Rolle einer pseudotabubrechneden Avantgarde, ähnlich wie etwa Sarrazin im Moment im bürgerlichen Lager. Natürlich gab es ab und zu lauwarme „Kritik“ an der provokativen Ausdrucksweise, den Überspitzungen und der Radikalität der Auswürfe der Bahamas. Das is aber keine Kritik am Inhalt, und hat weder antideutsche Gruppen noch Publikationen davon abgehalten, die jeweils neusten Bahamas-Thesen zunächst in den Kanon der diskutierbaren linken Meinungen zu integrieren und schließlich in zeitlichem Abstand als eigene Linie zu etablieren. Das hat weniger mit einer vermeintlichen publizistischen Macht oder der Größe bekennender Anhängerschaft der Bahamas zu tun, als damit, dass die Bahamas die Konsequenz antideutscher Ideologie stets radikal auf den Punkt bringt. Entsprechend können „gemäßigte“ Antideutsche dem meist nichts entgegensetzen als eben inhaltsleere Aufforderungen zur Mäßigung. Die Unterstützung von Sarrazins Thesen ist in der Ideologie von Konkret, Jungle World und antideutscher Antifa bereits angelegt, nur eben noch teilweise mit Tabus aus linker Tradition belegt. Schritt für Schritt werden zunächst Bahamas, dann weitere antideutsche Publikationen und Gruppen an diesen emanzipatorischen Mindeststandards sägen, bis das Bekenntnis zu Sarrazins Thesen auch in der Linken zumindest zu den diskutablen Positionen zählt. Schwierigkeiten mit Sarrazin haben Antideutsche doch jetzt schon wenn überhaupt nur mit den rassebiologischen Einlassungen und dem Beifall von der falschen Seite (NPD). Wenn Sarrazin die Überlegenheit der Juden und die Inferiorität der Moslems statt mit denen Genen mit der Kultur begründet hätte, gäbe es wohl von antideutscher Seite nichts inhaltliches mehr an Sarrazin zu kritisieren.
letztendlich läuft bei dem meisten Kram, der in der heutigen Bahamas steht doch alles nur noch auf die Realisierung von Distinktionsgewinnen heraus … ansonsten bleibt anzumerken, dass die heutigen Bahamiten schon 1993 den Rassenkunde-Vortrag von Christoph Türcke auf dem Konkret-Kongress in Hamburg verteidigt haben, was letztendlich einer der Gründe für die Auflösung der gruppe k war, die vorher die Bahamas heraus gab
@reflexion: guck ma‘ auf die Homepage besagter Gruppe. Dort wirst du sehen, dass die Berliner Veranstaltung so heißt, wie ich gesagt habe.
btw.: ansonsten findet auch Elsässer Sarrazin ganz ok
„Wenn Sarrazin die Überlegenheit der Juden und die Inferiorität der Moslems statt mit denen Genen mit der Kultur begründet hätte, gäbe es wohl von antideutscher Seite nichts inhaltliches mehr an Sarrazin zu kritisieren.“
Abgesehen davon, dass das, was landläufig unter „antideutsch“ gefasst wird, mit Manfred Dahlmann eher als diskreditierende Zuschreibung verstanden werden sollte (wobei Gerhard Scheit eine sinnvolle Interpretation geliefert hat*), ist der Begriff „Inferiorität“ von wem auch immer indiskutabel und der Begriff „Kultur“ grundlegend zu diskutieren. Ob Sarrazin also auf Kultur oder Gene anspielt, ist in seinem deutsch verstandenen Universum demselben deutsch-wurzeligen Verständnis von Menschen geschuldet – vulgo: gefährlicher Blödsinn!
*“Wenn aber das verselbständigte pathologisch handelnde Subjekt Staat im empirischen Staatsbürger existiert, dann kann auch nicht mehr einfach davon abgesehen werden, welcher Nation im einzelnen dieser Bürger angehört; dann vermag vielmehr das Wort, das diese Nation markiert, zum Begriff zu werden, der jene Einheit von empirischem Bürger und verselbständigtem Staatssubjekt überhaupt erst sichtbar macht. Das ist auch der Grund, warum antideutsche Kritik innerhalb der Linken, die sich alles vom Staat erwartet und das Volk hofiert, so mißfällt: die Kritik nämlich beharrt darauf, daß der verbrecherische Staat von seinen Bürgern nicht abstrahiert werden kann – ohne darum über den Verbrechen der Bürger vom Staat zu schweigen. “ Gerhard Scheit – Suicide Attack